Zusammenfassung
Frédéric Bastiat (1801-1850) war ein französischer Ökonom, Publizist und Politiker, der als einer der bedeutendsten Proto-Libertären der Geschichte gelten muss. In seinen letzten sechs Lebensjahren, im Wettlauf mit dem Tod durch Tuberkulose, schuf er ein beeindruckendes Werk zur Verteidigung der individuellen Freiheit und zur Kritik am Staatsinterventionismus. Seine berühmten Schriften wie „Das Gesetz“ (1850), „Was man sieht und was man nicht sieht“ (1850) und die „Petition der Kerzenmacher“ formulieren libertäre Grundprinzipien mit einer Klarheit und einem Witz, die bis heute unerreicht sind. Bastiat entwickelte zentrale libertäre Konzepte wie das „legale Plündern“, definierte den Staat als „große Fiktion, wonach jedermann danach strebt, auf Kosten jedermanns zu leben“ und legte die philosophischen Grundlagen für einen naturrechtlich fundierten Liberalismus.
Während er von modernen Libertären, der Österreichischen Schule und Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher verehrt wird, blieb Bastiat auch nicht ohne Kritik. Karl Marx bezeichnete ihn als den „seichtesten und daher erfolgreichsten Vertreter der apologetischen vulgären Ökonomie“, und der Ökonom Joseph Schumpeter meinte, Bastiat sei „kein Theoretiker“ gewesen. Moderne Kritiker werfen ihm vor, zu simplifizierend zu argumentieren und komplexe ökonomische Probleme zu sehr zu vereinfachen. Dennoch bleibt Bastiats Vermächtnis von unschätzbarem Wert für alle, die Freiheit, individuelle Rechte und die Grenzen staatlicher Macht verstehen wollen.
Leben im Dienst der Freiheit
Frédéric Bastiat wurde am 30. Juni 1801 in Bayonne, Südwestfrankreich, geboren. Schon früh Waise geworden – seine Mutter starb 1808, sein Vater 1810 –, wuchs er bei seinem Großvater und seiner Tante auf. Die wirtschaftlichen Erfahrungen seiner Familie prägten seine spätere Weltanschauung: Das Handelshaus der Familie hatte unter dem französischen Franchise-System floriert, wurde aber durch das protektionistische Regime Napoleons ruiniert. Diese gegensätzlichen Erfahrungen mit Freihandel und Protektionismus legten den Grundstein für Bastiats spätere Überzeugungen.
Seine eigentliche Karriere als Ökonom begann erst 1844, als er bereits 43 Jahre alt war. Doch was folgte, war eine beispiellose intellektuelle Offensive für die Freiheit. 1846 gründete er die französische Freihandelsbewegung in Bordeaux. Nach der Februarrevolution 1848 wurde er in die Konstituierende Versammlung gewählt, wo er zum kompromisslosen Kritiker sowohl des Sozialismus als auch des konservativen Protektionismus wurde.
An Tuberkulose erkrankt, schrieb Bastiat buchstäblich im Wettlauf gegen den Tod. Fast sein gesamtes heute bekanntes Werk entstand in nur sechs Jahren, von 1844 bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1850 in Rom. Auf seinem Sterbebett ernannte er seinen Freund Gustave de Molinari – selbst ein bedeutender libertärer Denker – zu seinem „spirituellen Erben“.
Die Philosophie der Freiheit: Bastiats Hauptprinzipien
Der Staat als „große Fiktion“
Bastiats berühmteste Definition bleibt zeitlos aktuell: „Der Staat ist die große Fiktion, wonach jedermann danach strebt, auf Kosten jedermanns zu leben.“ Diese scheinbar simple Formulierung enthält eine tiefgreifende Einsicht über die Natur politischer Macht. Bastiat warnte davor, den Staat zu personifizieren und als eine Art „geheimnisvolle Persönlichkeit“ oder wohlwollenden Akteur zu betrachten. In Wirklichkeit sei der Staat nichts anderes als ein Mechanismus, durch den organisierte Interessengruppen versuchen, sich auf Kosten anderer zu bereichern.
Diese Personifizierung des Staates, so Bastiat, sei „eine reiche Quelle von Katastrophen und Revolutionen in Vergangenheit und wird es in Zukunft sein“. Indem man dem Staat übermenschliche Fähigkeiten zuschreibt, öffnet man der Willkür Tür und Tor.
Das Konzept des „legalen Plünderns“
In seinem Meisterwerk „Das Gesetz“ (La Loi, 1850) entwickelte Bastiat das Konzept des „legalen Plünderns“ – ein Begriff, der heute bei amerikanischen Libertären und Tea-Party-Aktivisten weit verbreitet ist. Bastiat argumentierte, dass das Gesetz eigentlich nur drei Dinge schützen sollte: Leben, Freiheit und Eigentum. Wenn das Gesetz jedoch dazu verwendet wird, Eigentum von einer Gruppe zur anderen zu transferieren, wird es pervertiert und zum Instrument der Plünderung.
„Legales Plündern“, schrieb Bastiat, könne auf unendlich viele Arten begangen werden: „Zölle, Schutzmaßnahmen, Subventionen, Anreize, progressive Besteuerung, öffentliche Schulen, garantierte Arbeitsplätze, garantierte Profite, Mindestlöhne, ein Recht auf Unterstützung, ein Recht auf Arbeitsmittel, Gratis-Kredit, und so weiter, und so weiter. All diese Pläne zusammen – mit ihrem gemeinsamen Ziel des legalen Plünderns – bilden den Sozialismus.“
Seine Definition war klar: „Seht nach, ob das Gesetz von einigen Personen nimmt, was ihnen gehört, und es anderen gibt, denen es nicht gehört. Seht nach, ob das Gesetz einem Bürger auf Kosten eines anderen nutzt, indem es tut, was der Bürger selbst nicht tun könnte, ohne ein Verbrechen zu begehen.“
Was man sieht und was man nicht sieht
Bastiats vielleicht wichtigster methodischer Beitrag zur Ökonomie findet sich in seiner Schrift „Was man sieht und was man nicht sieht“ (Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas, 1850). Darin entwickelte er die später von Henry Hazlitt in „Economics in One Lesson“ (1946) popularisierte Einsicht, dass gute Ökonomie nicht nur die unmittelbaren und sichtbaren Effekte einer Maßnahme betrachten darf, sondern auch die verzögerten und unsichtbaren Konsequenzen berücksichtigen muss.
Seine berühmte „Parabel vom zerbrochenen Fenster“ illustriert dies meisterhaft: Ein Junge wirft einen Stein durch ein Fenster. Der Fenstermacher erhält nun einen Auftrag für 50 Francs und wird das Geld ausgeben, was wiederum anderen zugutekommt – scheinbar ein volkswirtschaftlicher Gewinn. Was man aber nicht sieht: Der Ladenbesitzer hätte diese 50 Francs für einen neuen Anzug ausgeben können. Jetzt hat er zwar ein neues Fenster, aber keinen Anzug – und der Schneider verliert das Geschäft. Die Zerstörung hat keinen Wohlstand geschaffen, sie hat ihn nur umverteilt und im Endeffekt vernichtet.
Dieses Prinzip wandte Bastiat auf unzählige Politikbereiche an und zeigte auf, wie Protektionismus, Subventionen und Staatsinterventionen systematisch die unsichtbaren Kosten ignorierten, die sie verursachten.
Die Petition der Kerzenmacher
Bastiats satirisches Genie zeigte sich besonders in der „Petition der Kerzenmacher“ (Pétition des fabricants de chandelles, 1845). In dieser fingierten Petition an die französische Abgeordnetenkammer fordern die Kerzenmacher, Kerzenziehern, Lampenhersteller und verwandte Industrien den „Schutz vor der ruinösen Konkurrenz eines ausländischen Rivalen“ – der Sonne. Sie verlangen ein Gesetz, das vorschreibt, alle Fenster, Dachluken und Vorhänge zu schließen, durch die Sonnenlicht eindringen könnte.
Die Absurdität dieser Forderung – die logisch identisch mit protektionistischen Argumenten ist – entlarvte die Irrationalität der Handelsbarrieren auf brillante Weise. Wenn es gut wäre, einheimische Produzenten vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, warum dann nicht auch vor der „unfairen“ Konkurrenz der kostenlosen Sonne?
Natürliche versus künstliche Organisation
In seinen „Ökonomischen Harmonien“ (Harmonies économiques, 1850) unterschied Bastiat zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“ Formen der gesellschaftlichen Organisation. Sozialisten wie Louis Blanc oder Victor Considerant glaubten an „künstliche Arten der Organisation“, die von wohlmeinenden Sozialingenieuren entworfen und gebaut werden könnten. Sie betrachteten Menschen als passive Objekte – wie Metallräder und Zahnräder, oder wie Ton, der beliebig geformt werden kann.
Bastiat hingegen vertrat die Idee „natürlicher Organisation“, die sich „providentiell“ oder „spontan“ (um Hayeks späteren Begriff zu verwenden) entwickelt. Der entscheidende Unterschied: In Bastiats Modell sind die „Zahnräder“ des sozialen Mechanismus denkende, wählende, handelnde Individuen mit freiem Willen, nicht leblose Objekte, die von einem „großen Mechaniker“ manipuliert werden können.
Theistischer Liberalismus
Ein oft übersehener Aspekt von Bastiats Denken ist seine religiöse Dimension. Im Gegensatz zum späteren säkularen Liberalismus verband Bastiat seine Freiheitslehre explizit mit dem christlichen Glauben. Der letzte Satz seines Werkes „Das Gesetz“ lautet: „Freiheit ist eine Anerkennung des Glaubens an Gott und seine Werke.“
Auf seinem Sterbebett soll Bastiat – der lange Zeit dem Katholizismus ferngestanden hatte – ausgerufen haben: „Ich sehe, ich weiß, ich glaube; ich bin ein Christ.“ Seine späte Konversion und sein Plan, hätte er länger gelebt, eine Synthese zwischen christlicher Harmonie und politischer Ökonomie zu schaffen, zeigen, dass sein Liberalismus auf naturrechtlichen Prämissen beruhte, die er als gottgegeben ansah.
Bastiats Aufklärungsarbeit: Der Kampf gegen ökonomische Mythen
Bastiat widmete sein Leben der Aufklärung über ökonomische Mythen und Trugschlüsse. Seine Methode war dabei revolutionär: Statt akademischer Abhandlungen schrieb er brillante Pamphlete, Satiren und Parabeln, die für jeden verständlich waren. Der Ökonom Joseph Schumpeter nannte ihn „den brillantesten ökonomischen Journalisten, der je gelebt hat“.
Seine Zielgruppen waren nicht in erster Linie andere Ökonomen, sondern die „Betrogenen“ (dupes) – die einfachen Bürger, die durch protektionistische Propaganda, sozialistische Versprechungen und staatliche Manipulation in die Irre geführt wurden. Er wollte ihnen die Augen öffnen für die wahren Mechanismen von Plünderung und Umverteilung.
Zwischen Mai 1848 und Juli 1850 schrieb Bastiat eine Serie von zwölf anti-sozialistischen Pamphleten, die von seinem Verleger Guillaumin als „Petits pamphlets de M. Bastiat“ (Herrn Bastiats kleine Pamphlete) vermarktet wurden. Diese Sammlung, die für 7 Francs als Gesamtwerk erhältlich war, enthielt einige seiner berühmtesten Schriften und verkaufte sich ausgezeichnet.
Seine Aufklärungsarbeit erstreckte sich auf alle großen Themen seiner Zeit: Er kritisierte nicht nur Protektionismus und Sozialismus, sondern auch Militarismus, Kolonialismus und die „Personifizierung“ des Staates. Er setzte sich für freien Handel ein, analysierte die amerikanische Demokratie, den deutschen Zollverein und die Lage der arbeitenden Klassen in England.
Bastiats Vermächtnis und Einfluss
Die Wiederentdeckung nach dem Zweiten Weltkrieg
Während Bastiat zu seinen Lebzeiten in Frankreich sehr einflussreich war, geriet er nach seinem Tod teilweise in Vergessenheit – besonders in seinem Heimatland. Im anglo-amerikanischen Raum jedoch erlebte er nach dem Zweiten Weltkrieg eine bemerkenswerte Renaissance.
Leonard Read, ein prominenter Verfechter des Konservatismus der Nachkriegszeit, entdeckte Bastiat 1935. 1943 verschickte er an jedes der 3.000 Mitglieder seiner kleinen Gruppe ein Exemplar von „Das Gesetz“, womit er dessen merkwürdige Karriere als kanonischer Text des amerikanischen Libertarismus einleitete. 1946 gründete Read die „Foundation for Economic Education“ (FEE), um die Prinzipien des freien Marktes zu verbreiten und eine konservative, individualistische Avantgarde mit den intellektuellen Werkzeugen auszustatten, die sie in „kollektivistischen“ Zeiten brauchte.
Einfluss auf die Österreichische Schule
Bastiat wird heute oft als Vorläufer der Österreichischen Schule der Ökonomie betrachtet. Mark Thornton und Thomas DiLorenzo haben argumentiert, dass Bastiat durch seine Betonung der Rolle der Konsumentennachfrage bei der Initiierung des wirtschaftlichen Fortschritts viele Ideen vorwegnahm, die später von Ökonomen wie Ludwig von Mises und Friedrich Hayek entwickelt wurden.
In seinen „Ökonomischen Harmonien“ schrieb Bastiat: „Wir können nicht bezweifeln, dass Eigeninteresse die Triebfeder der menschlichen Natur ist.“ Diese Betonung menschlichen Handelns und subjektiver Werttheorie anticipierte zentrale Konzepte der Österreichischen Schule.
Politischer Einfluss
Margaret Thatcher bezeichnete Bastiat bei einem Frankreichbesuch als ihren Lieblingsökonomen. Henry Hazlitt baute sein einflussreiches Buch „Economics in One Lesson“ (1946) direkt auf Bastiats Parabel vom zerbrochenen Fenster auf. Ronald Reagan und die moderne amerikanische konservative Bewegung schöpften reichlich aus Bastiats Ideen.
In der modernen Tea-Party-Bewegung fanden Bastiats Konzepte – besonders das „legale Plündern“ – weite Verbreitung. Bei der ersten landesweiten Tea-Party-Demonstration am 15. April 2009 zitierte Professor Paul R. Rickert von der Liberty University Bastiat in einer Rede in Washington D.C., und Demonstranten trugen Schilder mit dem Begriff „legal plunder“.
Kritische Perspektiven: Grenzen und Schwächen
Marx‘ vernichtende Kritik
Karl Marx hatte wenig Gutes über Bastiat zu sagen. In seinem Vorwort zur zweiten Auflage von „Das Kapital“ bezeichnete er Bastiat als „den seichtesten und daher erfolgreichsten Vertreter der apologetischen vulgären Ökonomie“. Diese harsche Kritik entsprang nicht nur ideologischer Gegnerschaft, sondern auch Marx‘ Ressentiment gegenüber einem politischen Schriftsteller, dessen klare Prosa eine große Leserschaft fand – im Gegensatz zu Marx‘ eigenen schwer verdaulichen Werken.
Marx warf Bastiat vor, keine echte Werttheorie zu entwickeln und nur „leere Begriffe“ zu bieten „als tröstenden Beweis, dass ‚die Welt reich ist an großen und ausgezeichneten täglichen Dienstleistungen'“. In einem separaten Text von 1868 beschuldigte Marx Bastiat sogar des Plagiats und behauptete, dieser habe Ideen vom preußischen Ökonomen Schmalz übernommen.
Schumpeters Urteil: „Kein Theoretiker“
Der einflussreiche Ökonom Joseph Schumpeter, obwohl er Bastiat als „den brillantesten ökonomischen Journalisten, der je gelebt hat“ bezeichnete, fällte auch ein hartes Urteil: „Ich halte nicht dafür, dass Bastiat ein schlechter Theoretiker war. Ich halte dafür, dass er kein Theoretiker war.“
Diese Kritik trifft einen wunden Punkt: Bastiat entwickelte keine umfassende, formalisierte ökonomische Theorie. Seine Stärke lag in der brillanten Anwendung und Popularisierung bestehender liberaler Prinzipien, nicht in deren theoretischer Weiterentwicklung. Sein unvollendetes Hauptwerk „Harmonies économiques“ konnte er aus Krankheitsgründen nicht vollenden und blieb fragmentarisch.
Die Gefahr des „magischen Denkens“
Moderne Kritiker werfen Bastiat vor, dass seine Argumente bei unkritischen Lesern zu einer Art „magischem Denken“ führen können. Der Blogger und Ökonom Matt Yglesias argumentierte, dass Bastiats Schriften „nicht responsiv auf moderne Probleme“ seien. Seine Petition der Kerzenmacher sei eine „vernichtende Satire“ auf Protektionismus im Allgemeinen, aber helfe nicht, komplexere Fälle wie pharmazeutische Patente zu durchdenken.
Ein Kommentator formulierte es so: „Durch das logische Ausweiten von allgemein korrekten (aber unpräzisen) populären Weisheiten bis zu absurden Schlussfolgerungen, besiegt Bastiat nur einen Strohmann.“ Die Kritik lautet: Bastiats Argumente sind zu vereinfachend und ignorieren legitime Fälle von Marktversagen, externe Effekte und öffentliche Güter.
Die Simplifizierungsfalle
Tatsächlich neigt Bastiat dazu, komplexe ökonomische Fragen stark zu vereinfachen. Seine rhetorische Brillanz kann darüber hinwegtäuschen, dass viele wirtschaftspolitische Fragen nuancierter sind, als seine Pamphlete suggerieren. Die Frage nach dem optimalen Niveau staatlicher Intervention, nach der Regulierung von Monopolen, nach der Bereitstellung öffentlicher Güter oder dem Umgang mit externen Effekten lässt sich nicht allein mit Bastiats Prinzipien beantworten.
Ein weiterer Kritikpunkt: Bastiat unterschätzte möglicherweise die Probleme, die unregulierte Märkte hervorbringen können. Seine Kritik am Staatsinterventionismus war so radikal, dass sie wenig Raum für legitime staatliche Funktionen ließ – selbst solche, die viele klassische Liberale akzeptierten.
Der historische Kontext
Der französische Historiker des Liberalismus, Lucien Jaume, merkte an: „In Bastiats Rhetorik hat jedes ökonomische Phänomen sein moralisches und sogar religiöses Äquivalent: Fortschritt ist vorherbestimmt, aber der Mensch ist frei; Wettbewerb ist eine unzerstörbare Realität, aber er existiert nur ‚in Abwesenheit jeder willkürlichen Autorität, die als Richter über den Austausch gesetzt ist‘, und so weiter. Bastiats Originalität liegt in der Art und Weise, wie er ständig vom Objektiven zum Subjektiven und vom Deskriptiven zum Präskriptiven wechselt.“
Diese Vermischung von Beschreibung und Vorschrift, von Sein und Sollen, mag rhetorisch effektiv sein, ist aber methodisch problematisch.
Was wir heute von Bastiat lernen können
Trotz aller berechtigten Kritik bleibt Bastiats Vermächtnis von unschätzbarem Wert für die moderne libertäre Bewegung. Seine Lehren sind heute relevanter denn je:
1. Die Wichtigkeit von Klarheit und Zugänglichkeit
Bastiats größte Stärke war seine Fähigkeit, komplexe ökonomische Wahrheiten in verständlicher, unterhaltsamer Form zu präsentieren. In einer Zeit, in der libertäre Ideen oft in akademischem Jargon ersticken, erinnert uns Bastiat daran, wie wichtig es ist, für normale Menschen zu schreiben. Seine Satiren, Parabeln und Pamphlete zeigen, dass man nicht an intellektueller Tiefe einbüßen muss, um verständlich zu sein.
2. Die Notwendigkeit, das Unsichtbare sichtbar zu machen
Bastiats Methode „Was man sieht und was man nicht sieht“ ist heute wichtiger denn je. In einer Welt der Soundbites und Twitter-Politik neigen wir dazu, nur unmittelbare, sichtbare Effekte zu betrachten. Bastiat lehrt uns, systematisch nach den versteckten Kosten, den unbeabsichtigten Konsequenzen und den langfristigen Auswirkungen politischer Maßnahmen zu fragen.
3. Die Entlarvung von „legalem Plündern“
Bastiats Konzept des „legalen Plünderns“ ist ein mächtiges analytisches Werkzeug. Es zwingt uns, bei jeder staatlichen Maßnahme zu fragen: Wird hier Eigentum von einer Gruppe zur anderen transferiert? Wird etwas durch das Gesetz legitimiert, was als private Handlung ein Verbrechen wäre? Diese Fragen sind in Zeiten explodierender Staatsverschuldung, zunehmender Umverteilung und ständig wachsender Transferleistungen von brennender Aktualität.
4. Skepsis gegenüber der „Personifizierung des Staates“
Bastiats Warnung vor der Personifizierung des Staates ist heute besonders relevant. In politischen Debatten hören wir ständig, was „der Staat“ tun sollte – als wäre er ein wohlwollender, allwissender Akteur. Bastiat erinnert uns daran, dass „der Staat“ in Wirklichkeit nur ein Mechanismus ist, durch den bestimmte Gruppen auf Kosten anderer leben – und dass dieser Mechanismus von fehlbaren Menschen bedient wird, die ihre eigenen Interessen verfolgen.
5. Die Verteidigung spontaner Ordnung
Bastiats Unterscheidung zwischen „natürlicher“ und „künstlicher“ Organisation anticipierte Hayeks spätere Theorie der spontanen Ordnung. In einer Zeit, in der viele glauben, komplexe gesellschaftliche Probleme durch zentrale Planung lösen zu können, erinnert uns Bastiat daran, dass die besten Lösungen oft emergent und dezentral entstehen – wenn Menschen frei sind, zu kooperieren und zu innovieren.
6. Die moralische Dimension der Freiheit
Bastiats theistischer Liberalismus mag nicht jeden modernen Libertären ansprechen, aber er erinnert uns daran, dass Freiheit nicht nur ökonomisch effizient, sondern auch moralisch geboten ist. Die Verteidigung individueller Rechte ist nicht nur eine Frage der Nützlichkeit, sondern der Gerechtigkeit und der menschlichen Würde.
Fazit: Ein unverzichtbarer Klassiker
Frédéric Bastiat war zweifellos ein Proto-Libertärer – vielleicht sogar der Proto-Libertäre schlechthin. Seine Verbindung von ökonomischer Analyse, politischer Philosophie, satirischer Brillanz und moralischer Überzeugung schuf ein Werk, das die Grundlagen des modernen Libertarismus legte, lange bevor dieser Begriff existierte.
Seine Schwächen sind nicht zu leugnen: mangelnde theoretische Tiefe, Tendenz zur Simplifizierung, manchmal überzogene Rhetorik. Aber diese Schwächen werden bei weitem aufgewogen durch seine Stärken: unübertroffene Klarheit, brillante pädagogische Methoden, tiefe moralische Überzeugung und die Fähigkeit, komplexe Wahrheiten für jeden verständlich zu machen.
In einer Zeit, in der der Staat immer weiter wächst, in der „legales Plündern“ neue Rekorde erreicht, in der Protektionismus wieder salonfähig wird und in der viele glauben, der Staat könne und solle alle gesellschaftlichen Probleme lösen, ist Bastiats Stimme wichtiger denn je.
Wer die Freiheit verteidigen will, muss Bastiat lesen. Wer verstehen will, wie Märkte funktionieren und warum Staatsinterventionen oft mehr schaden als nützen, muss Bastiat lesen. Wer lernen will, libertäre Ideen klar und überzeugend zu kommunizieren, muss Bastiat lesen.
Wie Bastiat selbst vier Tage vor seinem Tod an einen Freund schrieb: „Behandelt alle ökonomischen Fragen…“ – und genau das tat er: mit Logik, Klarheit und unerschütterlichem Engagement für die Freiheit. Sein Vermächtnis lebt weiter in jedem, der erkennt, dass Freiheit nicht nur effizient, sondern auch gerecht ist – und dass der beste Schutz gegen Tyrannei eine aufgeklärte Bürgerschaft ist, die versteht, was sie sieht und was sie nicht sieht.
Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie über die großen Denker der Freiheit. Frédéric Bastiat steht in einer Reihe mit Adam Smith, John Locke, Friedrich Hayek und anderen Giganten des liberalen Denkens, die uns den Weg zur Freiheit wiesen.
Weiterführende Literatur
- Bastiat, Frédéric: „Das Gesetz / Der Staat“ (diverse deutsche Ausgaben)
- Bastiat, Frédéric: „Was man sieht und was man nicht sieht“
- Bastiat, Frédéric: „Die Trugschlüsse der Schutzzöllner“ (Sophismes économiques)
- Liberty Fund: „The Collected Works of Frédéric Bastiat“ (6 Bände, Englisch)
- Leroux, Robert: „Political Economy and Liberalism in France: The Contributions of Frédéric Bastiat“ (2011)
- Hazlitt, Henry: „Economics in One Lesson“ (1946) – direkt inspiriert von Bastiat
