Zusammenfassung
Die Modern Monetary Theory (MMT) verspricht einen Ausweg aus fiskalischen Zwängen: Staaten mit eigener Währung können nicht pleitegehen und sollen durch unbegrenzte Geldschöpfung Vollbeschäftigung erreichen. Diese Arbeit zeigt, dass MMT weder modern (Könige nutzen Währungsabwertung seit Jahrhunderten), noch monetär (sie ist primär fiskalpolitisch), noch eine kohärente Theorie ist. Aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie offenbart MMT fundamentale Fehler: Sie ignoriert die Kapitalstruktur der Produktion, missversteht die Rolle von Knappheit und ökonomischer Kalkulation, und unterschätzt systematisch Inflationsrisiken. Die empirischen Belege sind erdrückend: Von der Weimarer Republik über Zimbabwe bis Venezuela führte staatliche Geldschöpfung zur Finanzierung von Defiziten stets zur Hyperinflation und wirtschaftlichem Zusammenbruch. Für Deutschland ist MMT ohnehin nicht anwendbar, da es keine währungssouveräne Nation mehr ist – doch der Euro, der MMT verhindert, ist selbst ein Desaster: 50% Kaufkraftverlust seit 2002, über 1 Billion Euro Target2-Forderungen, Haftung für hunderte Milliarden fremder Schulden und Enteignung deutscher Sparer durch EZB-Nullzinspolitik. Deutschland leidet unter doppelter Knechtschaft: unfähig zu MMT, aber ebenso unfähig, sich vor Euro-Inflation und EU-Transferunion zu schützen. MMT ist letztlich politische Propaganda, die gefährliche Illusionen über die Grenzen staatlicher Macht verbreitet.
I. Einleitung: Das Versprechen schmerzloser Staatsfinanzierung
In den letzten Jahren hat eine ökonomische Theorie zunehmend Aufmerksamkeit erlangt, die den meisten Menschen wie die Verwirklichung eines uralten Traums erscheinen muss: Die Modern Monetary Theory (MMT) verspricht, dass Staaten mit eigener Währung niemals zahlungsunfähig werden können, dass Staatsschulden im Grunde bedeutungslos sind, und dass Vollbeschäftigung durch unbegrenzte staatliche Ausgaben ohne inflationäre Konsequenzen erreichbar ist. Prominente Vertreter wie Stephanie Kelton, L. Randall Wray und Warren Mosler haben diese Ideen popularisiert, und Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders haben sie aufgegriffen.
Das Versprechen ist verlockend: Keine schmerzhaften Steuererhöhungen, keine Kürzungen bei Sozialausgaben, keine Grenzen für staatliche Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit oder Bildung. Der Staat könne einfach Geld drucken, um all seine Vorhaben zu finanzieren. Inflation sei nur dann ein Problem, wenn die Wirtschaft bereits Vollbeschäftigung erreicht habe, und selbst dann könne man sie einfach durch Steuererhöhungen bekämpfen.
Für jeden, der mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie vertraut ist – der Tradition von Carl Menger, Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Murray Rothbard – klingen diese Versprechen jedoch nicht wie ökonomische Weisheit, sondern wie ein gefährlicher Betrug. Tatsächlich ist MMT nichts anderes als eine Neuauflage alter inflationistischer Irrtümer in neuem Gewand. Dieser Beitrag wird zeigen, warum MMT weder modern, noch monetär, noch eine kohärente Theorie ist, und warum ihre Umsetzung zu ökonomischem Chaos führen muss.
II. Die Grundthesen der Modern Monetary Theory
A. Der Staat als Währungsmonopolist
MMT beginnt mit der Beobachtung, dass moderne Staaten das Monopol über die Ausgabe ihrer eigenen Währung besitzen. Im Gegensatz zu einem privaten Haushalt oder Unternehmen, das Geld einnehmen muss, bevor es ausgeben kann, könne ein währungssouveräner Staat unbegrenzt Geld schaffen. Nach MMT-Logik muss der Staat sogar zuerst Geld ausgeben, bevor er überhaupt Steuern erheben kann – schließlich benötigen die Bürger staatliches Geld, um ihre Steuerschulden zu begleichen.
Diese Sichtweise basiert auf dem Chartalismus (von Georg Friedrich Knapp, 1905), der besagt, dass Geld seinen Wert nicht durch einen inneren Wert (wie bei Gold) erhält, sondern dadurch, dass der Staat es als Zahlungsmittel für Steuern akzeptiert. Die Steuerpflicht schaffe die Nachfrage nach staatlichem Geld.
B. Staatsschulden als private Vermögenswerte
Ein zentraler Gedanke der MMT ist, dass Staatsdefizite per Definition zu privaten Überschüssen führen. Wenn der Staat mehr ausgibt als er einnimmt, fließt dieses Geld in den Privatsektor und wird dort zu finanziellen Vermögenswerten. Stephanie Kelton argumentiert, dass Regierungen ihre Ausgaben nicht „finanzieren“ müssen, da sie als Währungsemittenten Geld schaffen, nicht ausgeben können.
Demnach seien Staatsanleihen keine echte Verschuldung, sondern lediglich ein Instrument, um überschüssige Liquidität aus dem Privatsektor zu absorbieren. Der Staat könne niemals zahlungsunfähig werden, solange er in seiner eigenen Währung verschuldet ist.
C. Inflation als einzige Grenze
MMT-Vertreter geben zu, dass es eine Grenze für staatliche Ausgaben gibt – aber diese Grenze sei nicht finanzieller, sondern realer Natur. Solange in der Wirtschaft „Slack“ existiert, also ungenutzte Ressourcen (arbeitslose Arbeitnehmer, unausgelastete Fabriken), könne der Staat durch zusätzliche Ausgaben diese Ressourcen mobilisieren, ohne Inflation zu verursachen.
Erst wenn Vollbeschäftigung erreicht sei und alle realen Ressourcen ausgelastet seien, würde zusätzliche Geldschöpfung zu Inflation führen. Aber selbst dann habe der Staat ein einfaches Mittel zur Inflationsbekämpfung: Steuererhöhungen, die Kaufkraft aus dem Privatsektor abziehen.
D. Die Jobgarantie als automatischer Stabilisator
Als Kernelement ihrer Wirtschaftspolitik schlagen MMT-Ökonomen eine staatliche Jobgarantie vor. Der Staat solle allen Arbeitslosen einen Arbeitsplatz zu einem festgelegten Mindestlohn anbieten. Dies schaffe einen „Puffer“ von Beschäftigten, der sich in Boomphasen verkleinere (wenn der Privatsektor diese Arbeitnehmer abwirbt) und in Rezessionen vergrößere. Gleichzeitig setze dies einen nominalen Preisanker, der Inflation verhindere.
III. Die grundlegenden Irrtümer: Eine österreichische Kritik
A. MMT ist nicht modern
Die erste Behauptung, die zurückgewiesen werden muss, ist die vermeintliche „Modernität“ dieser Theorie. Wie Jeff Deist vom Mises Institute treffend formuliert: „MMT is not modern. Kings have used seigniorage and currency debasement for centuries to fund their endeavors, always at the expense of their subjects.“
Die Idee, dass Herrscher sich durch Geldschöpfung finanzieren können, ist so alt wie das Geld selbst. Römische Kaiser reduzierten den Silbergehalt ihrer Münzen, mittelalterliche Fürsten nutzten das „Münzrecht“ zur Finanzierung ihrer Kriege, und die Assignaten der Französischen Revolution waren nichts anderes als ein früher Versuch unbegrenzter Papiergeldschöpfung – mit katastrophalen Folgen.
Die Greenbackers des 19. Jahrhunderts in Amerika vertraten fast identische Positionen wie die heutigen MMT-Vertreter. MMT recycelt lediglich alte inflationistische Irrtümer und verpackt sie in neuer akademischer Terminologie.
B. MMT ist nicht monetär
Trotz ihres Namens ist MMT primär keine monetäre, sondern eine fiskalpolitische Theorie. Ihr Fokus liegt auf staatlichen Ausgaben und Steuerpolitik, nicht auf Geldpolitik im klassischen Sinne. Wie Deist bemerkt: „It is primarily a fiscal approach to state finance, focused on tax policy as the economic accelerator and brake.“
Die Wurzeln der MMT liegen im frühen 20. Jahrhundert beim Chartalismus, also noch vor der Gründung der US-Notenbank Federal Reserve (1913). MMT propagiert die direkte Monetarisierung von Staatsdefiziten – die Zentralbank soll einfach die Staatsausgaben finanzieren. Dies hat mit der komplexen Koordinationsfunktion echter Geldpolitik nichts zu tun.
C. MMT ist keine kohärente Theorie
Am schwerwiegendsten ist jedoch, dass MMT keine echte ökonomische Theorie darstellt, sondern eine politische Rechtfertigung für unbegrenzte Staatsausgaben. Eine Theorie sollte erklären, wie ökonomische Prozesse funktionieren, Kausalzusammenhänge aufzeigen und Vorhersagen ermöglichen. MMT tut dies nicht – sie ist vielmehr eine normative Doktrin, die ein gewünschtes Ergebnis (mehr Staatsausgaben) rechtfertigen soll.
Robert P. Murphy vom Mises Institute schreibt: „MMT should be viewed as a form of political propaganda rather than any kind of real economics or public policy. And like all propaganda, it must be fought with appeals to reality.“
IV. Die fundamentalen theoretischen Fehler aus österreichischer Sicht
A. Das Ignorieren der Kapitalstruktur
Der vielleicht schwerwiegendste Fehler der MMT ist ihre vollständige Ignoranz gegenüber der zeitlichen Produktionsstruktur der Wirtschaft. Die Österreichische Schule hat seit Böhm-Bawerk und Mises betont, dass Produktion Zeit benötigt und dass die Wirtschaft aus einer komplexen Struktur zeitlich gestaffelter Produktionsstufen besteht – von Rohstoffen über Zwischenprodukte bis zu Konsumgütern.
Patrick Newman in seiner Arbeit „Modern Monetary Theory: An Austrian Interpretation of Recrudescent Keynesianism“ argumentiert überzeugend:
„MMT fails to understand capital-based macroeconomics and how government policy affects the temporal structure of production. MMT also neglects the importance of profit and loss accounting compared to government allocation of resources.“
Wenn der Staat durch Geldschöpfung Ressourcen beansprucht, verzerrt er die Preissignale, die Unternehmern anzeigen, wo knappe Ressourcen am produktivsten eingesetzt werden können. Die Kapitalstruktur wird verzerrt, Fehlinvestitionen entstehen. Im Gegensatz zur traditionellen keynesianischen Politik, die durch das Bankensystem Kredit in den Privatsektor pumpt, führt MMTs direkte staatliche Geldschöpfung zu einem noch fundamentaleren Problem: dauerhafter wirtschaftlicher Stagnation statt zyklischer Booms und Busts.
B. Die Missachtung ökonomischer Kalkulation
Ludwig von Mises zeigte in seinem Werk über die sozialistische Wirtschaftsrechnung, dass rationale ökonomische Kalkulation nur durch Marktpreise möglich ist. Diese Preise entstehen durch freiwilligen Tausch auf Märkten mit Privateigentum. Wenn der Staat Ressourcen durch Geldschöpfung umverteilt, findet keine echte ökonomische Kalkulation statt – es gibt keine Profite und Verluste, die anzeigen würden, ob Ressourcen effizient genutzt werden.
MMT unterstellt implizit, dass staatliche Planer besser wissen als der Markt, wie Ressourcen zu allokieren sind. Die Jobgarantie ist ein perfektes Beispiel: Der Staat soll Millionen Menschen beschäftigen, ohne den Mechanismus von Profit und Verlust, der normalerweise anzeigt, ob diese Arbeit gesellschaftlich wertvoll ist. Das Ergebnis kann nur Ressourcenverschwendung im großen Stil sein.
C. Das falsche Verständnis von Knappheit
MMT tut so, als ob das fundamentale ökonomische Problem – Knappheit – durch Geldschöpfung gelöst werden könnte. Aber wie Mises betonte: Geld ist kein Reichtum, sondern nur ein Tauschmittel. Wenn der Staat mehr Geld druckt, schafft er keine neuen realen Güter und Dienstleistungen. Er verteilt nur die bestehenden Güter um – von denen, die zuerst das neue Geld erhalten (Cantillon-Effekt).
Robert Murphy erklärt dies anhand der MMT-Behauptung, „Slack“ in der Wirtschaft könne durch Geldschöpfung beseitigt werden:
„According to Mises’s theory of the business cycle, the existence of ‚idle capacity‘ in the economy doesn’t just fall out of the sky, but is instead the result of the malinvestments made during the preceding boom.“
Arbeitslosigkeit und ungenutzte Kapazitäten sind nicht einfach „da“ – sie sind das Symptom vorheriger Fehlallokationen. Mehr Geldschöpfung löst dieses Problem nicht, sondern verschärft es durch weitere Verzerrungen.
D. Die Illusion schmerzloser Inflationsbekämpfung
MMT behauptet, Inflation könne leicht durch Steuererhöhungen bekämpft werden. Dies zeigt ein fundamentales Missverständnis der politischen Ökonomie. Wenn eine Regierung erst einmal massive Ausgabenprogramme etabliert hat – Jobgarantien, Infrastrukturprojekte, Sozialleistungen – wird es politisch nahezu unmöglich, diese zu kürzen oder Steuern drastisch zu erhöhen, wenn Inflation einsetzt.
Die Annahme, Politiker würden in einem inflationären Umfeld plötzlich unpopuläre Maßnahmen ergreifen, widerspricht aller historischen Erfahrung. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie die Inflation verharmlosen, Sündenböcke suchen (gierige Unternehmen, ausländische Spekulanten) und mit Preiskontrollen reagieren – die das Problem nur verschlimmern.
E. Die Zeitpräferenz und Kapitalakkumulation
Newman weist darauf hin, dass massive Staatsausgaben die Zeitpräferenz der Gesellschaft erhöhen – Menschen werden gegenwartsorientierter und sparen weniger. Dies reduziert die Kapitalakkumulation und führt zu geringerer Produktivität und niedrigerem Lebensstandard:
„Increase in government spending increases time preferences… Increase in government spending leads to general waste… Higher taxes to combat inflation also increases time preferences.“
Wenn Menschen erwarten, dass der Staat für alles sorgt, warum sollten sie dann für die Zukunft sparen? Diese Erosion der Sparkultur untergräbt die Grundlage wirtschaftlichen Wachstums.
V. Empirische Evidenz: Das katastrophale Scheitern unbegrenzter Geldschöpfung
A. Die Weimarer Republik (1921-1923)
Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg musste immense Reparationszahlungen leisten. Die Regierung entschied sich, diese durch Geldschöpfung zu finanzieren – genau wie MMT es empfiehlt. Die Geldmenge explodierte, und die Mark verfiel im Wert.
Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation im November 1923 entsprach ein US-Dollar 4,2 Billionen Mark. Menschen trugen ihr Geld in Schubkarren, um Lebensmittel zu kaufen, bevor die Preise am nächsten Tag noch weiter stiegen. Manche Arbeitgeber zahlten Löhne zweimal täglich, weil das Geld bis zum Abend bereits wertlos war.
Die sozialen Folgen waren verheerend: Die Mittelschicht wurde ruiniert, Sparguthaben vernichtet, und die ökonomische Instabilität trug zur politischen Radikalisierung bei, die letztlich den Aufstieg Hitlers ermöglichte.
B. Zimbabwe (2000-2009)
Zimbabwe unter Robert Mugabe bietet ein fast lehrbuchmäßiges Beispiel für MMT in der Praxis. Nach kontroversen Landreformen brach die landwirtschaftliche Produktion ein. Die Regierung reagierte mit massiver Geldschöpfung, um ihre Ausgaben zu finanzieren – einschließlich militärischer Interventionen im Kongo.
Die monatliche Inflationsrate erreichte im November 2008 unfassbare 79,6 Milliarden Prozent. Die jährliche Inflation betrug 89,7 Trilliarden Prozent. Die Reserve Bank of Zimbabwe druckte Banknoten mit 100 Billionen Zimbabwe-Dollar – die nicht einmal für eine Busfahrt reichten.
Die Folgen waren katastrophal:
- Die Nahrungsmittelproduktion fiel um 45%
- Die Industrieproduktion brach um über 50% ein
- Die Arbeitslosigkeit stieg auf 80%
- Die Lebenserwartung sank dramatisch
- Die Mittelschicht floh massenhaft aus dem Land
Letztlich musste die Regierung 2009 den Zimbabwe-Dollar aufgeben und ausländische Währungen zulassen. Trotz der Wiedereinführung einer nationalen Währung 2019 kehrte die Inflation zurück und erreichte 2020 über 500% jährlich.
C. Venezuela (2013-heute)
Venezuela, einst eines der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas dank seiner Ölreserven, bietet das jüngste Beispiel für MMT-Katastrophe. Als die Ölpreise fielen, finanzierte die Regierung Maduro ihre massiven Sozialausgaben durch Gelddrucken.
Die Ergebnisse:
- Die Inflation stieg 2018 auf über 130.000% jährlich
- Der kumulative Preisanstieg seit 2016 beträgt über 53 Millionen Prozent
- Im März 2019 konnte ein Lehrer mit seinem Monatslohn nur ein Dutzend Eier und ein Pfund Käse kaufen
- Preise in Geschäften wurden mehrmals täglich angepasst
- Millionen Venezolaner flohen aus dem Land
Venezuela zeigt, dass selbst ein ressourcenreiches Land mit enormen Ölreserven nicht durch Geldschöpfung prosperieren kann. Die „Hauptursache der Hyperinflation ist die Zentralbank, die Geld druckt, um riesige öffentliche Ausgabendefizite zu finanzieren“, wie das Wall Street Journal 2019 berichtete.
D. Das universelle Muster
Alle Hyperinflationen folgen demselben Muster:
- Wirtschaftliche oder politische Krise führt zu Staatsdefiziten
- Regierung kann sich nicht mehr konventionell finanzieren
- Zentralbank monetarisiert die Defizite durch Geldschöpfung
- Erste Inflationszeichen werden ignoriert oder verharmlost
- Vertrauensverlust in die Währung beschleunigt die Inflation
- Flucht in ausländische Währungen oder Sachwerte
- Völliger Zusammenbruch der Währung und der Wirtschaft
MMT-Vertreter wie Richard Murphy argumentieren, diese Beispiele seien irrelevant, da die Bedingungen für MMT dort nicht gegeben gewesen seien. Aber genau das ist der Punkt: Die „Bedingungen“ für schmerzlose unbegrenzte Geldschöpfung existieren nirgends, weil sie ökonomischen Grundgesetzen widersprechen.
VI. Warum Staaten doch pleitegehen können
A. Währungskollaps ist faktische Insolvenz
MMT behauptet, ein Staat könne in seiner eigenen Währung nicht pleitegehen. Technisch mag das stimmen – er kann immer mehr Geld drucken. Aber wenn diese Währung wertlos wird, ist der Staat de facto zahlungsunfähig. Die Bürger Venezuelas oder Zimbabwes hätten wenig Trost in der Tatsache, dass ihre Regierungen „nicht pleite“ waren, während ihre Ersparnisse vernichtet wurden.
B. Vertrauensverlust ist unwiderruflich
Geld funktioniert nur auf Basis von Vertrauen. Sobald dieses Vertrauen einmal zerstört ist, ist es extrem schwer wiederherzustellen. Zimbabwe hat seit 1980 fünf verschiedene Währungen eingeführt – alle endeten in Hyperinflation. Warum? Weil die Menschen gelernt haben, der Regierung nicht zu trauen.
C. Die Illusion monetärer Souveränität
MMT spricht von „monetärer Souveränität“ als ob sie absolut wäre. In Wirklichkeit ist sie graduell und fragil. Selbst die USA mit dem Dollar als Weltwährung genießen nur ein temporäres Privileg, das durch Vertrauensverlust schwinden kann. Kleinere Länder haben kaum echte monetäre Souveränität, da ihre Bürger bei den ersten Anzeichen von Inflation auf ausländische Währungen ausweichen.
VII. Die politökonomische Naivität
A. Die Annahme wohlwollender Planer
MMT unterstellt implizit, dass staatliche Entscheidungsträger stets im öffentlichen Interesse handeln und technokratisch kompetent sind. Die Public-Choice-Theorie und die österreichische Kritik des Sozialismus haben gezeigt, wie naiv diese Annahme ist. Politiker haben eigene Interessen – Wiederwahl, Macht, Patronage. Die Versuchung, Wähler mit gedrucktem Geld zu kaufen, wäre bei MMT-Politik überwältigend.
B. Die unmögliche Rechnung
Wie soll ein MMT-Regime bestimmen, wann „Vollbeschäftigung“ erreicht ist und Inflation droht? Es gibt keine objektiven Kriterien. In der Praxis würde jede Regierung behaupten, es gäbe noch „Slack“, um ihre Ausgaben zu rechtfertigen. Wenn dann Inflation einsetzt, würde sie auf externe Faktoren geschoben – „gierige Unternehmen“, „Spekulanten“, „ausländische Einflüsse“.
C. Der politische Zyklus
Selbst wenn eine Regierung ehrlich versuchen würde, MMT „richtig“ umzusetzen – was passiert bei einem Regierungswechsel? Die neue Regierung würde das etablierte System ausnutzen, um ihre eigenen Programme zu finanzieren. MMT schafft Anreize für exzessive Ausgaben und eliminiert die disziplinierende Wirkung knapper Budgets.
VIII. Alternative österreichische Perspektive: Solides Geld und begrenzte Regierung
Die Österreichische Schule bietet eine radikal andere Vision: Statt unbegrenzter staatlicher Geldschöpfung brauchen wir solides Geld und strikte Begrenzung staatlicher Macht.
A. Die Tugenden des Goldstandards
Mises, Hayek und Rothbard argumentierten für eine Rückkehr zu gedecktem Geld oder zumindest zu strengen Regeln, die Geldschöpfung begrenzen. Gold als Geld hat den Vorteil, dass es nicht beliebig vermehrbar ist. Dies zwingt Regierungen zu fiskalischer Disziplin und schützt die Bürger vor Enteignung durch Inflation.
B. Freies Banking
Noch radikaler schlagen manche Österreicher wie Rothbard die Abschaffung von Zentralbanken und die Einführung von „Free Banking“ vor – ein System, in dem private Banken ohne staatliches Monopol konkurrieren. Dies würde den Missbrauch monetärer Macht durch den Staat unmöglich machen.
C. Begrenzte Regierung und ausgeglichene Budgets
Staat sollte strikt an ausgeglichene Budgets gebunden sein. Defizite sollten nur in echten Notfällen (Verteidigung gegen Invasion) erlaubt sein. Die Versuchung, durch Geldschöpfung zu finanzieren, ist zu groß, als dass man sie Politikern überlassen dürfte.
IX. Der Euro-Sonderfall: Warum MMT für Deutschland nicht anwendbar ist
Eine besonders aufschlussende Schwachstelle der Modern Monetary Theory zeigt sich, wenn man sie auf Deutschland oder andere Eurozone-Länder anwenden will. Hier offenbart sich, wie begrenzt der Anwendungsbereich dieser vermeintlich „modernen“ Theorie tatsächlich ist.
A. Deutschland ist nicht währungssouverän
Die zentrale Voraussetzung für MMT ist „monetäre Souveränität“ – ein Staat muss seine eigene Währung kontrollieren und nach Belieben emittieren können. MMT-Vertreter räumen selbst ein, dass ihre Theorie nur für solche Länder gilt:
- Die USA mit dem Dollar und der Federal Reserve
- Großbritannien mit dem Pfund und der Bank of England
- Japan mit dem Yen und der Bank of Japan
- Kanada, Australien, Schweden etc.
Deutschland gehört nicht dazu. Seit der Einführung des Euro hat Deutschland keine eigene Währung mehr. Die Deutsche Bundesbank kann nicht einfach Euro drucken, um die Bundesregierung zu finanzieren. Diese Macht liegt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, die unabhängig von nationalen Regierungen agiert und für die gesamte Eurozone zuständig ist.
B. Die Eurozone als Anti-MMT-System
Die Architektur der Europäischen Währungsunion wurde bewusst so gestaltet, dass genau das, was MMT fordert, unmöglich ist:
- Verbot der monetären Staatsfinanzierung: Artikel 123 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verbietet es der EZB ausdrücklich, Staatsanleihen direkt von Regierungen zu kaufen. Dies soll verhindern, dass Regierungen ihre Defizite durch die Notenpresse finanzieren.
- Unabhängige Zentralbank: Die EZB ist von den nationalen Regierungen unabhängig und hat ein klares Mandat: Preisstabilität (Inflation nahe 2%). Sie kann nicht von einzelnen Regierungen angewiesen werden, deren Ausgaben zu finanzieren.
- Stabilitätspakt: Der Maastricht-Vertrag und der Stabilitäts- und Wachstumspakt setzen Grenzen für nationale Defizite (3% des BIP) und Gesamtverschuldung (60% des BIP). Diese Regeln sind genau das Gegenteil von MMTs „Defizite sind egal“.
- No-Bailout-Klausel: Artikel 125 AEUV verbietet es grundsätzlich, dass die EU oder andere Mitgliedstaaten für die Schulden eines Landes haften. Jedes Land soll für seine eigenen Schulden verantwortlich sein.
Die Eurozone wurde also bewusst nach deutschen ordoliberalen Prinzipien gestaltet – als Gegenentwurf zu inflationistischer Politik. Deutschland hat seine eigene währungspolitische Souveränität geopfert, um sich vor genau der Politik zu schützen, die MMT propagiert.
C. Griechenland: Der empirische Beweis, dass Eurozone-Länder pleite gehen können
MMT behauptet, währungssouveräne Staaten könnten nicht bankrott gehen. Für Eurozone-Länder gilt das Gegenteil, wie die griechische Staatsschuldenkrise dramatisch bewies.
Die Chronologie des griechischen Desasters:
- 2009: Nach Regierungswechsel wird bekannt, dass Griechenland jahrelang seine Defizite verschleiert hat. Das wahre Defizit liegt bei über 12% des BIP, nicht wie behauptet unter 3%.
- 2010: Die Zinsen für griechische Staatsanleihen explodieren auf über 10%, dann 15%, dann 20%. Der Markt verliert das Vertrauen in Griechenlands Zahlungsfähigkeit.
- 2010-2012: Griechenland kann sich nicht mehr am Kapitalmarkt refinanzieren. Das Land steht vor der Zahlungsunfähigkeit – es ist de facto bankrott.
- Rettungspakete: Nur durch massive Hilfspakete der EU, der EZB und des IWF (die „Troika“) im Umfang von über 300 Milliarden Euro wird ein formaler Staatsbankrott verhindert.
- Brutale Sparmaßnahmen: Als Gegenleistung muss Griechenland drakonische Austerität umsetzen – Rentenkürzungen, Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst, Steuererhöhungen, Privatisierungen.
- Soziale Katastrophe: Die Arbeitslosigkeit steigt auf über 27% (Jugendarbeitslosigkeit über 50%), das BIP bricht um 25% ein, Hunderttausende verlieren ihre Existenz.
Warum konnte Griechenland nicht einfach „Geld drucken“?
Genau das ist der Punkt: Griechenland hatte keine Drachme mehr, die es hätte abwerten können. Es hatte keinen Zugang zur Notenpresse. Die EZB ist nicht die „griechische Zentralbank“, sondern für 20 Länder zuständig und folgt nicht Anweisungen Athens. Griechenland war in einer Währung verschuldet, die es nicht kontrollierte – und ging daher faktisch bankrott.
MMT-Vertreter würden sagen: „Ja, aber Griechenland ist ja nicht währungssouverän, also gilt MMT dort nicht.“ Genau! Aber das ist doch der entscheidende Punkt: Für Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und alle anderen Eurozone-Länder gilt MMT ebenfalls nicht. Sie alle sind in derselben Lage wie Griechenland – sie können theoretisch alle bankrott gehen.
D. Die Ironie: Deutschland könnte MMT umsetzen, wenn es den Euro verlässt
Technisch könnte Deutschland natürlich zur D-Mark zurückkehren und dann MMT-Politik betreiben. Die Bundesbank könnte dann unbegrenzt D-Mark drucken, um die Bundesregierung zu finanzieren. Aber genau das will Deutschland nicht – und zwar aus gutem Grund.
Die Hyperinflation von 1923 sitzt tief im kollektiven deutschen Gedächtnis. Die Bundesbank wurde nach 1945 bewusst als unabhängige Institution geschaffen, um zu verhindern, dass Politiker die Notenpresse für ihre Zwecke missbrauchen. Die Stabilitätskultur ist ein Kernelement deutscher Wirtschaftspolitik.
Der Euro war für Deutschland attraktiv, weil er diese Stabilitätskultur auf europäischer Ebene verankerte – mit unabhängiger Zentralbank, Inflationsziel und fiskalischen Regeln. Deutschland hat bewusst auf monetäre Souveränität verzichtet, um sich vor inflationistischer Politik zu schützen.
E. Italien, Spanien, Frankreich: Alle im selben Boot
Nicht nur Deutschland kann MMT nicht anwenden – kein einziges Eurozone-Land kann es. Das bedeutet:
- Italien mit seiner Staatsschuldenquote von über 140% des BIP kann nicht einfach Lire drucken, um seine Schulden zu bezahlen.
- Spanien konnte während seiner Bankenkrise nicht einfach Peseten drucken.
- Frankreich kann seine wachsenden Defizite nicht durch Franc-Emission finanzieren.
Alle diese Länder müssen sich den fiskalischen Regeln der Eurozone unterwerfen – oder sie brechen und riskieren Konflikte mit Brüssel und Berlin. Die anhaltenden Spannungen zwischen Italien und der EU-Kommission über Haushaltsdefizite zeigen genau das: Italien kann nicht einfach tun, was MMT empfiehlt, weil es nicht währungssouverän ist.
F. Die begrenzte Reichweite von MMT
Diese Analyse zeigt, wie eng begrenzt MMTs Anwendbarkeit tatsächlich ist. Entwickelte Volkswirtschaften, für die MMT NICHT gilt:
- Die gesamte Eurozone (20 Länder, ca. 350 Millionen Menschen)
- Alle Länder mit Currency Boards oder festen Wechselkursen
- Alle Länder, die signifikant in Fremdwährung verschuldet sind
- Kleinere Länder, deren Währungen nicht international akzeptiert werden
Entwickelte Volkswirtschaften, für die MMT theoretisch gelten könnte:
- USA
- UK
- Japan
- Kanada
- Australien
- Schweiz
- Schweden
- Norwegen
Die angeblich „moderne“ Theorie gilt also für einen Bruchteil der entwickelten Welt – und selbst dort wäre ihre Umsetzung, wie wir gesehen haben, katastrophal.
G. Die EZB-Anleihekäufe: Versteckte MMT?
Manche argumentieren, die EZB praktiziere durch ihre massiven Anleihekaufprogramme (Quantitative Easing) bereits eine Form von MMT. Seit der Finanzkrise 2008 und verstärkt seit der Eurokrise und COVID-19 hat die EZB Staatsanleihen im Wert von Billionen Euro gekauft.
Aber es gibt entscheidende Unterschiede zu MMT:
- Sekundärmarkt: Die EZB kauft Anleihen am Sekundärmarkt von Banken und Investoren, nicht direkt von Regierungen. Dies ist ein wichtiger rechtlicher und faktischer Unterschied.
- Temporär: Die Programme sind offiziell zeitlich begrenzt und als Notmaßnahmen deklariert, nicht als permanente Staatsfinanzierung.
- Inflationsziel: Die EZB begründet ihre Politik mit dem Inflationsziel von knapp unter 2%, nicht mit Vollbeschäftigung oder Staatsfinanzierung.
- Unabhängigkeit: Die EZB entscheidet selbst über ihre Politik, sie nimmt keine Anweisungen von Regierungen entgegen.
- Umstritten: Diese Politik ist in Deutschland extrem kontrovers. Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach geprüft, ob die EZB ihr Mandat überschreitet. Die Bundesbank hat wiederholt gegen expansive EZB-Politik protestiert.
Die deutschen Kritiker dieser Politik – von Bundesbank-Präsidenten bis zu Ökonomen wie Hans-Werner Sinn – haben genau vor dem gewarnt, was MMT offen propagiert: monetäre Staatsfinanzierung und Inflation.
H. Das Euro-Desaster: Deutschland als Zahlmeister und Inflationsopfer
Die bisherige Analyse könnte den falschen Eindruck erwecken, der Euro sei eine positive Entwicklung, weil er MMT verhindert. Das wäre ein fataler Irrtum. Der Euro ist ein wirtschaftspolitisches Desaster für Deutschland – und ein Lehrstück darüber, wie supranationale Institutionen nationale Interessen opfern.
Der Verlust der D-Mark-Stabilität
Die Deutsche Mark war eine der stabilsten Währungen der Welt. Die Bundesbank unter Führung von Präsidenten wie Karl Otto Pöhl und Hans Tietmeyer betrieb eine strikte Stabilitätspolitik. Die D-Mark war international als „harte Währung“ anerkannt – ein Symbol deutscher Wirtschaftskraft und monetärer Disziplin.
Seit Einführung des Euro hat die Währung etwa 50% ihrer Kaufkraft verloren. Was man 2002 für 100 Euro kaufen konnte, kostet heute ungefähr 200 Euro. Die versprochene „Stabilitätsgemeinschaft“ entpuppte sich als Inflationsgemeinschaft.
Die EZB ist weit inflationärer als die Bundesbank es je war:
- Nullzinspolitik seit 2014: Die Sparer wurden enteignet. Deutsche Sparguthaben verloren massiv an Wert.
- Negative Zinsen: Zeitweise mussten Sparer dafür bezahlen, dass Banken ihr Geld verwahren.
- Quantitative Easing: Billionen Euro an Anleihekäufen, die die Geldmenge massiv aufblähten.
- Inflationsziel 2%: Die EZB strebt bewusst eine jährliche Geldentwertung an – etwas, das die Bundesbank bekämpft hätte.
Deutsche Sparer und Rentner wurden systematisch enteignet. Die berühmte deutsche Sparkultur – Lebensversicherungen, Sparbücher, Bausparverträge – wurde durch Nullzinsen zerstört. Millionen Deutsche haben durch diese Politik Vermögen verloren.
Deutschland als Zahlmeister Europas
Der Euro wurde Deutschland als „D-Mark für ganz Europa“ verkauft. Das Versprechen: Alle Länder würden deutsche Stabilitätskriterien übernehmen. Die Realität: Deutschland wurde zur Zahlmeisterin einer Transferunion.
Target2-Salden: Die versteckte Billion
Die Target2-Salden sind ein komplexes, aber entscheidendes Thema. Vereinfacht: Die Deutsche Bundesbank hat Forderungen gegenüber anderen Eurozone-Zentralbanken in Höhe von zeitweise über 1 Billion Euro – eine unvorstellbare Summe.
Was bedeutet das? Deutsche Waren und Dienstleistungen wurden nach Italien, Spanien, Griechenland exportiert. Statt dass diese Länder dafür mit echtem Geld bezahlen, entstehen Forderungen im Target2-System. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn haben darauf hingewiesen, dass diese Forderungen praktisch uneinbringlich sind – im Falle eines Euro-Zusammenbruchs wären sie wertlos.
Deutschland hat also real Waren geliefert und dafür Papier-Forderungen erhalten, die vermutlich nie beglichen werden. Eine gigantische Transfer-Leistung, die in keiner offiziellen Statistik als „Hilfe für Südeuropa“ auftaucht.
Die endlosen Rettungsschirme
Seit der Eurokrise 2010 wurde Deutschland in eine Haftungsunion gezwungen:
- EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität): Temporärer Rettungsschirm, für den Deutschland als größte Volkswirtschaft den Löwenanteil garantiert.
- ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus): Permanenter Rettungsfonds mit 700 Milliarden Euro Volumen. Deutschland haftet für etwa 27% – rund 190 Milliarden Euro.
- Griechenland-Rettung: Über 300 Milliarden Euro an Hilfen, ein großer Teil aus deutschen Garantien.
- Corona-Wiederaufbaufonds: 750 Milliarden Euro EU-Schulden, erstmals gemeinsame Schuldenaufnahme. Deutschland zahlt den größten Anteil und haftet für die Rückzahlung.
- EZB-Anleihekäufe: Die EZB hat Staatsanleihen im Wert von über 5 Billionen Euro gekauft. Bei Zahlungsausfällen haftet die Bundesbank mit etwa 26% – hunderte Milliarden Euro Risiko.
Das Versprechen von Maastricht – „Keine Haftung für andere Staaten“ (No-Bailout-Klausel) – wurde systematisch gebrochen. Deutschland haftet faktisch für die Schulden Südeuropas.
Die Transferunion durch die Hintertür
Was offiziell als „Stabilitätsunion“ konzipiert war, ist längst eine Transferunion geworden:
- Italienische, spanische, griechische Staatsanleihen werden durch EZB-Käufe künstlich im Preis gehalten. Ohne diese Stützung lägen die Zinsen weit höher – diese Differenz ist ein impliziter Transfer.
- Die Nullzinspolitik schadet deutschen Sparern und nützt hochverschuldeten Südländern.
- EU-Strukturfonds, Kohäsionsfonds, Agrarsubventionen – Deutschland ist Nettozahler mit über 20 Milliarden Euro jährlich (manche Berechnungen gehen bis 40 Milliarden).
Zusammengerechnet leistet Deutschland hunderte Milliarden Euro an direkten und indirekten Transfers – Geld, das deutschen Steuerzahlern, Arbeitnehmern und Sparern entzogen wird.
Der EU-Regulierungswahn als Wachstumsbremse
Neben der monetären Katastrophe hat die EU Deutschland einen erstickenden Regulierungsapparat beschert. Brüsseler Bürokraten produzieren ein Übermaß an Vorschriften, die besonders die deutsche Wirtschaft belasten:
- Bürokratie-Flut: Von der DSGVO über unzählige Produktvorschriften bis zu Energieeffizienzrichtlinien – deutsche Unternehmen ertrinken in EU-Regulierung.
- Wettbewerbsnachteile: Während Deutschland Regeln strikt umsetzt, ignorieren südeuropäische Länder oft EU-Vorschriften. Deutsche Gewissenhaftigkeit wird zum Nachteil.
- Innovationshemmung: Neue Technologien werden durch übervorsichtige EU-Regulierung behindert. Das Vorsorgeprinzip wird zum Verhinderungsprinzip.
- Energiepolitik-Wahnsinn: EU-Klimaregulierung und deutsche Energiewende verteuern Strom massiv. Deutsche Industrieunternehmen wandern ab.
- Migrationskrise: EU-Regeln verpflichten Deutschland zur Aufnahme und Versorgung von Migranten, während Länder wie Polen oder Ungarn sich verweigern – Deutschland trägt die Last.
Der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, leidet besonders unter dieser Regulierungslast. Während große Konzerne Compliance-Abteilungen leisten können, werden kleine und mittlere Unternehmen erdrückt.
Das gebrochene Versprechen
Deutschland wurde der Euro verkauft als:
- Stabilitätsgemeinschaft nach deutschem Vorbild
- Schutz vor Inflation
- Wirtschaftliche Integration ohne Transferunion
- Stärkung der deutschen Exportwirtschaft
Die Realität:
- 50% Kaufkraftverlust seit 2002
- Deutschland haftet für hunderte Milliarden fremder Schulden
- Sparer werden enteignet durch Nullzinsen
- Target2-Forderungen von über 1 Billion Euro (wertlos im Krisenfall)
- Endlose Rettungsschirme und Corona-Bonds
- Regulierungswahn aus Brüssel
Die bittere Ironie
Deutschland hat also tatsächlich das Schlechteste aus beiden Welten bekommen:
Einerseits: Keine Möglichkeit zur MMT-Politik (weil nicht währungssouverän) – das ist gut, weil es inflationistische Exzesse verhindert.
Andererseits:
- Verlust der stabilen D-Mark
- Import von Inflation durch EZB-Politik
- Haftung für fremde Schulden
- Transfers in Südeuropa
- Enteignung deutscher Sparer
- EU-Regulierungschaos
Deutschland kann zwar nicht selbst MMT betreiben, leidet aber unter den inflationären Folgen der EZB-Politik, die faktisch südeuropäische Defizite monetarisiert. Die EZB betreibt eine „MMT light“ – nicht offiziell auf Anweisung von Regierungen, aber mit dem Ergebnis, dass hochverschuldete Staaten künstlich gestützt werden.
Was wäre die Alternative?
Aus libertärer Sicht gibt es mehrere Optionen:
1. Rückkehr zur D-Mark: Deutschland könnte theoretisch aus dem Euro austreten und zur D-Mark zurückkehren. Eine unabhängige Bundesbank mit striktem Stabilitätsmandat würde deutsche Sparer schützen und Inflation verhindern. Die D-Mark würde vermutlich stark aufwerten, was Importpreise senken würde.
2. Goldstandard: Noch radikaler wäre eine Bindung der Währung an Gold. Dies würde staatliche Geldmanipulation unmöglich machen und echte Preisstabilität garantieren. Der Einwand, dies sei „unpraktisch“, wurde schon oft vorgebracht – aber die Geschichte zeigt, dass Goldstandards jahrhundertelang funktionierten. Ist es wirklich unpraktischer als das aktuelle System aus Nullzinsen, Billionen an Rettungsschirmen und schleichender Enteignung?
3. Free Banking: Die radikalste Option wäre die Abschaffung von Zentralbanken zugunsten eines freien Bankensystems, in dem private Banken im Wettbewerb verschiedene Währungen anbieten. Dies mag utopisch erscheinen, aber es würde den politischen Missbrauch des Geldes beenden.
4. Währungswettbewerb: Zumindest könnte man ausländische Währungen als legale Zahlungsmittel zulassen. Wenn Bürger zwischen Euro, Schweizer Franken, Dollar oder Gold wählen könnten, würde dies die EZB disziplinieren.
Die Frage bleibt offen: Welcher Weg führt zur Freiheit? Zurück zur nationalen Währung mit strenger Unabhängigkeit der Zentralbank? Ein Goldstandard, der staatliche Manipulation ausschließt? Oder ein völlig neues System freier, konkurrierender Währungen?
Was jedoch feststeht: Der aktuelle Euro ist gescheitert – für Deutschland, für die Freiheit und für die wirtschaftliche Vernunft.
X. Fazit: MMT als Weg in die Knechtschaft – und der Euro als falscher Ausweg
Modern Monetary Theory ist das jüngste Beispiel für eine alte Versuchung: Die Illusion, ökonomische Gesetze durch politische Willensakte außer Kraft setzen zu können. Sie verspricht etwas, das nicht existiert – ein kostenloses Mittagessen finanziert durch die Notenpresse.
Die Österreichische Schule hat die Irrtümer dieser Denkweise seit über einem Jahrhundert analysiert und widerlegt:
- Geld ist kein Reichtum, sondern nur ein Tauschmittel. Seine Vermehrung schafft keine realen Güter.
- Knappheit kann nicht weggedruckt werden. Jede staatliche Ressourcennutzung geht zu Lasten privater Verwendung.
- Preise sind Informationssignale, die durch Geldschöpfung verzerrt werden, was zu Fehlinvestitionen führt.
- Profit und Verlust sind essentiell für rationale Kalkulation – staatliche Allokation ohne diese Signale ist willkürlich.
- Die Kapitalstruktur wird durch monetäre Expansion gestört, was zu Boom-Bust-Zyklen oder permanenter Stagnation führt.
Die empirische Evidenz ist überwältigend: Jeder Versuch, Staatsdefizite durch unbegrenzte Geldschöpfung zu finanzieren, endete in Inflation oder Hyperinflation mit verheerenden sozialen Folgen. Von der Weimarer Republik über Zimbabwe bis Venezuela – die Geschichte lehrt dieselbe Lektion.
MMT ist nicht nur ökonomisch fehlerhaft, sondern auch politisch gefährlich. Sie liefert die ideologische Rechtfertigung für unbegrenzte Staatsausgaben und damit für unbegrenzte staatliche Macht. Wie Hayek in „Der Weg zur Knechtschaft“ warnte: Ökonomische Kontrolle ist nicht nur Kontrolle über einen Sektor des menschlichen Lebens, der von den anderen getrennt werden kann – sie ist Kontrolle über die Mittel zu allen unseren Zielen.
Eine Gesellschaft, die MMT umsetzt, würde nicht Wohlstand für alle schaffen, sondern eine neue Form des Totalitarismus – eine Welt, in der der Staat durch seine Kontrolle über das Geld jede wirtschaftliche Entscheidung diktiert. Die „Jobgarantie“ würde zur universellen Abhängigkeit vom Staat, die „funktionale Finanz“ zur Willkür der Bürokraten.
Der Euro: Keine Lösung, sondern ein anderes Problem
Die Analyse der Eurozone zeigt, dass Deutschland zwar vor MMT geschützt ist – aber zu einem verheerenden Preis. Der Euro hat Deutschland nicht Stabilität gebracht, sondern:
- 50% Kaufkraftverlust statt D-Mark-Stabilität
- Enteignung der Sparer durch Nullzinspolitik
- Über 1 Billion Euro Target2-Forderungen (praktisch wertlos)
- Hunderte Milliarden Haftung für fremde Schulden
- Status als Zahlmeister Europas
- Regulierungswahn aus Brüssel
Deutschland leidet also unter einer doppelten Knechtschaft: Einerseits kann es MMT nicht betreiben (weil nicht währungssouverän), andererseits leidet es unter den inflationären und fiskalischen Folgen der Euro-Konstruktion. Die EZB betreibt faktisch eine „MMT light“ zur Stützung südeuropäischer Defizite – nur dass Deutschland dafür haftet, ohne die Politik kontrollieren zu können.
Der Weg zur Freiheit
Die Verteidiger der Freiheit müssen MMT als das entlarven, was sie ist: weder modern, noch monetär, noch eine Theorie, sondern politische Propaganda für Staatsmacht und ökonomische Planwirtschaft. Der Weg zur Freiheit führt nicht über die Notenpresse, sondern über solides Geld, begrenzte Regierung und freie Märkte.
Konkret bedeutet das:
- Ablehnung von MMT in all ihren Formen – ob offen propagiert oder verschleiert durch „Quantitative Easing“
- Kritik des Euro als gescheitertes Experiment, das Deutschland schadet
- Rückbesinnung auf Prinzipien soliden Geldes – sei es durch Rückkehr zu nationalen Währungen mit strikter Zentralbank-Unabhängigkeit, Goldstandard oder freien Währungswettbewerb
- Begrenzung staatlicher Macht durch strikte Budgetregeln und Verbot monetärer Staatsfinanzierung
- Schutz des Privateigentums vor Enteignung durch Inflation
Die Frage nach dem idealen Geldsystem bleibt offen zur Diskussion: Ist es die Rückkehr zur D-Mark mit unabhängiger Bundesbank? Ein Goldstandard, der staatliche Manipulation ausschließt? Oder ein System freier, konkurrierender Währungen nach Hayek’schem Vorbild? Jede dieser Optionen hat Vor- und Nachteile, aber alle sind dem Status quo überlegen.
Was jedoch außer Frage steht: Sowohl MMT als auch der Euro in seiner jetzigen Form sind Irrwege. Sie führen nicht zu Wohlstand und Freiheit, sondern zu Inflation, Transfers, Regulierung und letztlich zur Knechtschaft. Der wahre Weg zur Freiheit erfordert den Mut, beide Systeme grundlegend in Frage zu stellen.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur zur Modern Monetary Theory
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Wray, L. Randall (2015): Modern Money Theory: A Primer on Macroeconomics for Sovereign Monetary Systems. 2nd edition. New York: Palgrave Macmillan.
Knapp, Georg Friedrich (1905): Staatliche Theorie des Geldes. Leipzig: Duncker & Humblot.
Lerner, Abba P. (1943): „Functional Finance and the Federal Debt“. In: Social Research, Band 10, Nr. 1, S. 38-52.
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Hayek, Friedrich August von (1944): Der Weg zur Knechtschaft. Chicago: University of Chicago Press.
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Rothbard, Murray N. (1962/2009): Man, Economy, and State with Power and Market. Auburn: Mises Institute.
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Weitere Kritik an MMT
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Summers, Lawrence (2019): „The Left’s Embrace of Modern Monetary Theory Is a Recipe for Disaster“. Washington Post, 4. März 2019.
Krugman, Paul (2019): „Running on MMT (Wonkish)“. The New York Times, 25. Februar 2019.
Coats, Warren (2019): „Modern Monetary Theory: A Critique“. Cato Journal, Vol. 39, No. 3, Fall 2019.
Empirische Studien zu Hyperinflation
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Fischer, Stanley; Sahay, Ratna; Végh, Carlos A. (2002): „Modern Hyper- and High Inflations“. Journal of Economic Literature, Vol. 40, No. 3, S. 837-880.
Hanke, Steve H.; Krus, Nicholas (2013): „World Hyperinflations“. In: Randall Parker und Robert Whaples (Hrsg.): The Handbook of Major Events in Economic History. Routledge.
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Fallstudien
Zimbabwe: Hanke, Steve H.; Kwok, Alex K.F. (2009): „On the Measurement of Zimbabwe’s Hyperinflation“. Cato Journal, Vol. 29, No. 2, S. 353-364.
Venezuela: Hausmann, Ricardo; Muci, Francisco (2019): „Don’t Blame Washington for Venezuela’s Oil Woes“. Foreign Policy, 16. Januar 2019.
Weimar: Fergusson, Adam (1975): When Money Dies: The Nightmare of Deficit Spending, Devaluation, and Hyperinflation in Weimar Germany. London: William Kimber.
Online-Ressourcen
Mises Institute: https://mises.org (umfangreiche Sammlung österreichischer Analysen zu MMT)
Cato Institute: https://www.cato.org (kritische Perspektiven auf MMT)
Fraser Institute: https://www.fraserinstitute.org (ökonomische Analysen zu MMT)
