Bastiats Gleichnis: Ein zerbrochenes Fenster schafft Arbeit für den Glaser – aber nur, weil das Geld nun an anderer Stelle fehlt. Wer nur das Sichtbare zählt, übersieht die Kosten.
Siehe auch:
Österreichische Schule
Der Trugschluss vom zerbrochenen Fenster stammt von Frédéric Bastiat. In seinem Essay „Ce qu’on voit et ce qu’on ne voit pas“ von 1850 lässt er einen Ladenbesitzer die Scheibe einschlagen. Die Umstehenden trösten ihn: Nun habe der Glaser Arbeit, und das Geld belebe die Wirtschaft. Bastiat hält dagegen, dass der Besitzer ohne die Tat Schuhe gekauft hätte. Der Glaser verdient, der Schuhmacher verliert, und am Ende steht ein Loch in der Kasse statt eines Fensters und eines Paars Schuhe.
Der Fehler liegt im Zählen: Sichtbar ist der neue Auftrag, unsichtbar bleiben die Geschäfte, die ausbleiben, weil das Geld anderswo fehlt. Jede Ausgabe hat Opportunitätskosten, also den Nutzen der besten verworfenen Alternative. Wer nur die sichtbare Hälfte der Bilanz betrachtet, hält Zerstörung für Wohlstand. Dasselbe Muster zeigt sich bei Katastrophen, Kriegen und öffentlichen Bauprojekten.
Die keynesianische Sicht widerspricht teilweise. In einer Rezession mit brachliegenden Ressourcen, so das Argument, stünde die Alternative gar nicht bereit; Ausgaben könnten dann Nachfrage und Beschäftigung heben, ohne etwas zu verdrängen. Der Einwand verdient Beachtung, denn er hängt an einer Bedingung: freie Kapazitäten. Bastiat hatte eine Volkswirtschaft mit knappen Mitteln im Blick, und dort gilt seine Rechnung.
Für die Freiheit des Einzelnen ist der Begriff ein nüchternes Werkzeug gegen die Annahme, jede Ausgabe oder jedes Verbot nütze schon deshalb, weil sie Arbeit schaffe. Wer regelmäßig nach der unsichtbaren Seite fragt, entzieht politischen Versprechen ihre Selbstverständlichkeit.
