Zusammenfassung
Max Stirner (eigentlich Johann Caspar Schmidt, 1806–1856) gilt als einer der radikalsten Kritiker des Staates in der Geschichte der Philosophie. Sein Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844) ist ein kompromissloser Angriff auf jede Form von Autorität – den Staat, die Religion, aber auch den Liberalismus selbst. Für libertäre Leser scheint Stirner auf den ersten Blick ein natürlicher Verbündeter zu sein: Er lehnte den Staat als „Despotie“ ab und forderte die absolute Souveränität des Individuums. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass Stirner weder ein Proto-Libertärer noch ein Vorläufer des klassischen Liberalismus war. Er kritisierte den Liberalismus scharf als bloße Fortsetzung religiösen Denkens, lehnte natürliche Rechte ab und vertrat einen radikal amoralischen Egoismus, der sich mit dem Naturrechtsansatz von Locke, Bastiat oder Rothbard nicht vereinbaren lässt. Dieser Beitrag analysiert Stirners Philosophie kritisch und fragt, ob und was Libertäre dennoch von ihm lernen können – oder ob sein Denken letztlich in eine Sackgasse führt.
Wer war Max Stirner?
Max Stirner wurde am 25. Oktober 1806 als Johann Caspar Schmidt in Bayreuth geboren. Den Spitznamen „Stirner“ erhielt er von seinen Mitschülern aufgrund seiner auffallend hohen Stirn. Er studierte an der Universität Berlin, wo er Vorlesungen bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel und anderen bedeutenden Philosophen seiner Zeit besuchte. Nach seinem Studium arbeitete er als Lehrer an einer privaten Schule für höhere Töchter in Berlin.
Ab 1841 verkehrte Stirner regelmäßig bei den „Freien“, einem Debattierzirkel oppositioneller Akademiker und Publizisten in Hippels Weinstube am Berliner Gendarmenmarkt. Zu diesem Kreis gehörten prominente Junghegelianer wie Bruno Bauer, Ludwig Feuerbach und zeitweise auch Friedrich Engels. In diesem intellektuellen Milieu entstanden die Ideen, die Stirner 1844 in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ niederschrieb.
Das Buch erregte zunächst großes Aufsehen und wurde in einigen deutschen Gebieten sofort verboten – das Verbot wurde allerdings nach einer Woche wieder aufgehoben. Die heftigste Reaktion kam von Karl Marx, der einen über 500 Seiten langen Text gegen Stirner verfasste, den er jedoch nie veröffentlichte. Diese unveröffentlichte Kritik, Teil der „Deutschen Ideologie“, nannte Stirner spöttisch „Sankt Max“.
Nach der Veröffentlichung seines Hauptwerks geriet Stirner schnell in Vergessenheit. Er verbrachte die restlichen Jahre seines Lebens in zunehmender materieller Armut und starb am 25. Juni 1856 in Berlin. Erst um 1890, im Kielwasser der Nietzsche-Begeisterung, wurde sein Werk wiederentdeckt.
Stirners radikale Staatskritik
Für Leser eines libertären Blogs ist Stirners Staatskritik zunächst einmal erfrischend radikal. Er schrieb:
„Jeder Staat ist eine Despotie.“
Stirner argumentierte, dass der Staat niemals legitim sein könne, da es einen unauflösbaren Konflikt zwischen individueller Selbstbestimmung und der Verpflichtung zum Gesetzesgehorsam gebe. Der Staat, so Stirner, sei eine Institution, die das Individuum zum Diener einer abstrakten „Sache“ mache:
„Sich muß man aufgeben und nur dem Staate leben. Man muß ‚uninteressiert‘ handeln, muß nicht sich nützen wollen, sondern dem Staate. Dieser ist dadurch zur eigentlichen Person geworden, vor welcher die einzelne Persönlichkeit verschwindet.“
Stirner kritisierte auch die bürgerliche Staatsauffassung scharf. Der liberale Staat, der sich als Garant der Menschenrechte präsentiere, sei in Wahrheit nur eine neue Form der Herrschaft:
„Das Bürgertum ist nichts anderes als der Gedanke, daß der Staat alles in allem, der wahre Mensch sei, und daß des Einzelnen Menschenwert darin bestehe, ein Staatsbürger zu sein.“
Diese Kritik klingt zunächst libertär, geht aber weit über den klassischen Liberalismus hinaus. Stirner lehnte nicht nur den aktuellen Staat ab, sondern jeden Versuch, den Staat zu reformieren oder durch einen besseren zu ersetzen.
Warum Stirner kein Liberaler war
Hier beginnt die Problematik für Libertäre: Stirner war ein ebenso scharfer Kritiker des Liberalismus wie des Staates selbst. In seiner Schrift unterschied er drei Formen des Liberalismus – den politischen, den sozialen und den humanen Liberalismus – und verwarf alle drei.
Stirner sah den Liberalismus als eine säkularisierte Form der Religion. So wie der Christ sich Gott unterwerfe, unterwerfe sich der Liberale abstrakten Konzepten wie „Menschheit“, „Vernunft“ oder „Recht“. Diese „fixen Ideen“ oder „Gespenster“ – wie Stirner sie nannte – seien ebenso tyrannisch wie der alte Gottesglaube:
„Unsere Atheisten sind fromme Leute.“
Der Liberalismus habe lediglich die Religion durch neue Götzen ersetzt: statt Gott nun „den Menschen“, statt der Kirche nun den Staat, statt der göttlichen Gebote nun „die Menschenrechte“. Doch diese neuen Ideale seien ebenso abstrakt und fremd wie die alten. Sie verlangten vom Individuum dieselbe Selbstaufgabe.
Stirners Ablehnung natürlicher Rechte
Für Libertäre in der Tradition von John Locke, Frédéric Bastiat oder Murray Rothbard sind natürliche Rechte das Fundament ihrer Philosophie. Das Eigentum, die Freiheit und das Leben des Einzelnen sind unveräußerliche Rechte, die jedem Menschen kraft seiner Natur zustehen.
Stirner lehnte diese Vorstellung kategorisch ab. Für ihn war „Recht“ nur ein anderes Wort für Macht:
„Alles bestehende Recht ist – fremdes Recht, ist Recht, welches man Mir ‚gibt‘, Mir ‚widerfahren läßt‘. Hätte Ich aber darum recht, wenn alle Welt Mir recht gäbe?“
Und weiter:
„Wer mit diesen Forderungen des Gemütes bricht, der hat alle Sittlichen, alle Gemütsmenschen zu Feinden.“
Diese Position führte zu erheblichen Spannungen unter amerikanischen individualistischen Anarchisten. Der einflussreiche Anarchist Benjamin Tucker, der Stirners Werk in Amerika bekannt machte, gab nach seiner Konversion zum stirnerianischen Egoismus die naturrechtliche Position auf. Er erklärte später: „In times past… it was my habit to talk glibly of the right of man to land. It was a bad habit, and I long ago sloughed it off…. Man’s only right to land is his might over it.“
Diese Entwicklung zerriss die amerikanische individualanarchistische Bewegung. Naturrechtsvertreter warfen den Egoisten vor, den individualistischen Anarchismus selbst zu zerstören.
Der „Verein der Egoisten“ – keine libertäre Gesellschaft
Stirner stellte dem Staat den „Verein der Egoisten“ entgegen – eine Assoziation von Individuen, die sich aus purem Eigeninteresse zusammenschließen und jederzeit wieder trennen können. Dies klingt zunächst wie eine libertäre Vertragsgesellschaft.
Doch der Unterschied ist fundamental: Stirners „Verein“ basiert nicht auf gegenseitiger Anerkennung von Rechten, sondern auf dem jeweiligen Machtgleichgewicht der Beteiligten. Es gibt keine moralische Verpflichtung, Verträge einzuhalten, außer wenn es dem eigenen Interesse dient. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy fasst zusammen:
„Stirner has been variously characterised as: a left-Hegelian; a petit-bourgeois ideologue; a solipsist; a nihilist; the first poststructuralist; an existentialist; an individualist anarchist; a proto right libertarian; a fascist; and as simply insane.“
Die Vielfalt dieser Zuschreibungen zeigt, wie schwer Stirner einzuordnen ist – und wie vorsichtig Libertäre sein sollten, ihn für sich zu reklamieren.
Kritische Perspektiven auf Stirner
Die marxistische Kritik
Karl Marx und Friedrich Engels verfassten eine umfangreiche Kritik an Stirner, die erst posthum veröffentlicht wurde. Sie warfen Stirner vor, ein kleinbürgerlicher Ideologe zu sein, der die realen sozialen und ökonomischen Verhältnisse ignoriere. Der Marxist Moses Hess bezeichnete Stirner früh als „bürgerlich“ – ein Vorwurf, dem Stirner selbst entgegnete, dass ihm „die bürgerliche Gesellschaft ganz und gar nicht am Herzen“ liege.
Die Protofaschismus-These
Der marxistische Autor Hans G. Helms veröffentlichte 1966 das Werk „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“, in dem er Stirner als „Protofaschisten“ darstellte. Helms argumentierte, „dass Hitler eine spezifisch mittelständische Ideologie artikuliert hat und dass Stirnerianismus und Nationalsozialismus Variationsformen desselben faschistischen Ungeists sind.“
Diese These ist allerdings hochumstritten. Der polnische Philosoph Leszek Kołakowski versuchte einen differenzierteren Ansatz: Der Faschismus habe historisch versucht, soziale Bindungen aufzulösen und durch künstliche Bande zu ersetzen, die auf absolutem Gehorsam gegenüber dem Staat beruhten. Stirners Philosophie habe zwar „nichts gegen Konformismus“ einzuwenden, solange das Ego nicht einem höheren Prinzip untergeordnet werde – was eine Vereinnahmung durch autoritäre Bewegungen erleichtere.
Gegen die Protofaschismus-These spricht jedoch, dass Stirners Werk, wie der Anarchismusforscher Sidney Parker betonte, „kategorisch antiautoritär“ ist, „keine Spur von Rassismus“ enthält und „nichts als Verachtung für deutschen Nationalismus“ zeigt. Mussolini, der in seiner frühen Karriere Stirner lobte, warf dessen Individualismus nach seiner Machtergreifung über Bord und erklärte 1929, dass „das Individuum nur als Teil des Staates existiert“. Kein Faschist könne sich wirklich auf Stirner berufen.
Die anarchistische Kritik
Selbst unter Anarchisten war Stirner umstritten. Peter Kropotkin interpretierte Stirners Werk zwar als „Revolte gegen den Staat“, kritisierte aber dessen Amoralismus. Kropotkin glaubte, dass Menschen ihre moralischen Codes reflektieren sollten, lehnte aber ab, dass sich Individuen vollständig von ihrem sozialen Kontext lösen könnten, wie Stirner suggerierte.
Der Anarchismushistoriker Max Nettlau nannte Stirners Buch zwar „das bekannteste und am leichtesten zugängliche Buch des älteren Anarchismus“, fügte aber hinzu, dass „wenige Bücher so missverstanden oder so verschiedenartig beurteilt“ würden.
Was Libertäre von Stirner lernen können – und was nicht
Mögliche Lehren
Wachsamkeit gegenüber ideologischer Vereinnahmung: Stirners Kritik an den „fixen Ideen“ mahnt zur Vorsicht vor jedem Dogmatismus. Auch libertäre Prinzipien können zu „Gespenstern“ werden, wenn sie unreflektiert übernommen und nicht mehr hinterfragt werden.
Kritik am Staatskult: Stirners Analyse, wie der Staat sich zum „weltlichen Gott“ erhebt und die Hingabe seiner Bürger fordert, bleibt aktuell. Seine Beobachtung, dass der Liberalismus oft nur den religiösen Kult durch einen staatlichen ersetzt, verdient Beachtung.
Aufklärung über Aufklärung: Stirner argumentierte, dass die Aufklärung unvollständig geblieben sei, solange sie nur äußere Götter (Gott, König, Kirche) gestürzt, aber neue innere Götter (Menschheit, Vernunft, Moral) an ihre Stelle gesetzt habe. Er forderte, „auch das ‚Jenseits in Uns‘ zu beseitigen“ – eine radikale Forderung nach intellektueller Selbstständigkeit.
Problematische Aspekte
Ablehnung natürlicher Rechte: Ohne ein naturrechtliches Fundament fehlt dem Libertarismus sein moralisches Rückgrat. Stirners „Recht der Macht“ ist mit einer freien Gesellschaft unvereinbar, die auf gegenseitiger Anerkennung von Rechten beruht.
Moralischer Nihilismus: Stirner verurteilte keine Handlung per se – nicht Mord, nicht Inzest, nicht Kindesmord. Er argumentierte, diese Handlungen könnten gerechtfertigt sein, da Individuen keine Verpflichtungen gegeneinander hätten. Diese Position ist für jede zivilisierte Gesellschaftsordnung inakzeptabel.
Keine konstruktive Vision: Stirner lehnte „Revolution“ zugunsten von „Empörung“ ab – einem individuellen Akt der Selbstbefreiung ohne kollektive Dimension. Er bot keine Strategie für den Aufbau einer freien Gesellschaft. Der Anarchismushistoriker Wayne Price kritisiert: „Blumenfeld’s response is essentially nonrevolutionary. He does not present a strategy for building popular movements which might lead to overthrowing capitalism and the state.“
Fazit: Ein radikaler Denker, aber kein Verbündeter
Max Stirner war ein Philosoph von beeindruckender intellektueller Konsequenz. Er dachte den Individualismus radikal zu Ende – so radikal, dass er sich selbst in eine Sackgasse manövrierte. Seine Staatskritik ist scharf und teilweise lehrreich, aber sein Verzicht auf jede moralische Grundlage macht seine Philosophie für Libertäre letztlich unbrauchbar.
Der Libertarismus, wie ihn Hayek, Mises, Rothbard oder Bastiat verstanden, beruht auf der Idee unveräußerlicher Rechte des Individuums. Diese Rechte sind nicht Ausdruck von Macht, sondern entspringen der Natur des Menschen oder – je nach philosophischer Schule – seiner Vernunft oder seinem Gewissen. Sie begrenzen nicht nur den Staat, sondern auch das Handeln anderer Individuen.
Stirner lehnte diesen Ansatz ab. Für ihn gab es nur den Einzelnen und seine Macht. Was der Einzelne sich nehmen kann, gehört ihm – nicht aufgrund eines Rechts, sondern aufgrund seiner Fähigkeit, es zu behaupten. Diese Philosophie führt nicht in die Freiheit, sondern in einen Kriegszustand aller gegen alle, den selbst Stirner nur durch den „Verein der Egoisten“ – eine Art Waffenstillstand auf Zeit – zu bändigen versuchte.
Libertäre können von Stirner die Wachsamkeit lernen, sich nicht von neuen „Götzen“ vereinnahmen zu lassen – seien es der Staat, die Nation oder abstrakte Kollektivbegriffe. Aber sie sollten sich hüten, ihm auf dem Weg in den moralischen Nihilismus zu folgen. Die Freiheit braucht ein Fundament. Bei Stirner findet sie keines.
Quellen und weiterführende Literatur
- Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum (1844), verschiedene Ausgaben, u.a. Reclam und Karl Alber Verlag (Studienausgabe 2009).
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Max Stirner, https://plato.stanford.edu/entries/max-stirner/
- Nettlau, Max: Geschichte der Anarchie (1925).
- Helms, Hans G.: Die Ideologie der anonymen Gesellschaft, DuMont Schauberg, Köln 1966.
- Blumenfeld, Jacob: All Things Are Nothing to Me: The Unique Philosophy of Max Stirner, Zero Books, 2018.
- Parker, Sidney E.: „Anarchism, Angst, and Max Stirner“, in: Anarchy Magazine Nr. 7, London 1977.
- Kołakowski, Leszek: Zur Frage der faschistischen Rezeption Stirners, in: Encyclopedia MDPI.
- Newman, Saul: From Bakunin to Lacan: Anti-Authoritarianism and the Dislocation of Power, Lexington Books, 2001.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde für den libertären Blog „Weg zur Freiheit“ verfasst und soll zur kritischen Auseinandersetzung mit Denkern anregen, die oft unreflektiert als Vorläufer des Libertarismus gehandelt werden.
