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Benjamin Franklin: Amerikas erster Libertärer – oder doch nicht?

Zusammenfassung

Benjamin Franklin (1706–1790) gilt vielen als Urvater des amerikanischen Freiheitsgedankens. Das libertäre Cato Institute bezeichnet ihn sogar als „America’s First Libertarian“. Tatsächlich finden sich in Franklins Werk bemerkenswerte proto-libertäre Positionen: sein Eintreten für Redefreiheit, Religionsfreiheit, wirtschaftliche Selbstverantwortung und seine Skepsis gegenüber staatlicher Machtkonzentration. Sein berühmtes Diktum über den Tausch von Freiheit gegen Sicherheit klingt wie aus einem modernen libertären Manifest.

Doch die historische Forschung mahnt zur Vorsicht. Gelehrte wie Drew McCoy von der Clark University betonen, dass Franklin primär ein klassischer Republikaner war, dessen Denken sich grundlegend vom modernen Liberalismus unterschied. Franklin befürwortete den Albany Plan mit einer starken Zentralgewalt, hielt zeitweise Sklaven und sah tugendhaftes Bürgerverhalten – nicht individuelle Nutzenmaximierung – als Fundament der Republik. Dieser Beitrag würdigt Franklins libertäre Einsichten, verschweigt aber nicht die Widersprüche. Denn echte Freiheitsliebe erfordert intellektuelle Redlichkeit.

Der Aufklärer aus Philadelphia

Benjamin Franklin war das fünfzehnte von siebzehn Kindern eines Kerzenmachers aus Boston. Mit nur zwei Jahren formaler Schulbildung arbeitete er sich zum Drucker, Verleger, Wissenschaftler, Diplomaten und schließlich Gründervater der Vereinigten Staaten empor. Britannica

Seine Karriere verkörpert das Ideal der Selbstverbesserung durch Eigeninitiative – ein Kerngedanke, den Friedrich August von Hayek später zur Grundlage seiner spontanen Ordnung machen sollte. Franklin schuf sich sein Leben selbst, ohne auf Privilegien oder staatliche Förderung angewiesen zu sein.

Als Aufklärer war Franklin überzeugt, dass Wissen befreit. Er gründete die erste Leihbibliothek Amerikas, die American Philosophical Society und die Universität von Pennsylvania. Bildung sollte nicht das Privileg einer Elite bleiben, sondern jedem Bürger offenstehen – eine radikal egalitäre Position für das 18. Jahrhundert.

Franklins libertäre Einsichten

Freiheit vor Sicherheit

Das wohl meistzitierte Franklin-Zitat unter Libertären lautet:

„Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“

Diese Warnung vor dem Tausch von Freiheit gegen vermeintliche Sicherheit ist heute aktueller denn je. Ob Massenüberwachung, Notstandsgesetze oder Pandemiemaßnahmen – Franklins Mahnung erinnert uns daran, dass Freiheitseinschränkungen „vorübergehender“ Natur die Tendenz haben, permanent zu werden.

Wirtschaftliche Freiheit

Franklin war ein entschiedener Befürworter des Freihandels und ein Kritiker merkantilistischer Beschränkungen. In seinen ökonomischen Schriften argumentierte er, dass Handel zum beiderseitigen Vorteil führt und dass staatliche Eingriffe in den Markt mehr schaden als nützen. EconLib

Er kritisierte staatliche Monopole und Privilegien und betonte den Wert produktiver Arbeit. Sein „Poor Richard’s Almanack“ predigte Sparsamkeit, Fleiß und Selbstverantwortung – Tugenden, die im Kontrast zur modernen Wohlfahrtsstaatsmentalität stehen.

Religions- und Redefreiheit

Als Drucker verteidigte Franklin konsequent die Pressefreiheit. In seiner „Apology for Printers“ (1731) argumentierte er, dass Drucker auch kontroverse Meinungen verbreiten sollten, da die Öffentlichkeit selbst entscheiden könne, was wahr und falsch ist.

Religiös war Franklin ein Deist, der organisierte Religion skeptisch betrachtete. Er setzte sich für Toleranz gegenüber allen Glaubensrichtungen ein – in einer Zeit, als religiöse Verfolgung noch alltäglich war.

Skepsis gegenüber Machtkonzentration

In der Verfassungsdebatte warnte Franklin vor der Gefahr, dass Regierungen mit der Zeit zu „Despotismen“ verkommen. Er befürwortete checks and balances und äußerte sich skeptisch über Stehende Heere und exzessive Exekutivgewalt.

Die Gegenrechnung: Franklin als klassischer Republikaner

Der Albany Plan – Zentralisierung avant la lettre

Hier wird das Bild komplizierter. 1754 entwarf Franklin den Albany Plan of Union, der eine zentrale Regierung für die britischen Kolonien mit weitreichenden Befugnissen vorsah: ein „Grand Council“ mit Besteuerungsrecht, ein vom König ernannter „President General“ mit Vetorecht, und die Autorität, Gesetze zu erlassen, Truppen auszuheben und indianische Angelegenheiten zu regeln. Wikipedia – Albany Plan

Der Plan scheiterte – ironischerweise lehnten ihn sowohl die Kolonien als auch die Krone ab. Aber er zeigt, dass Franklin keineswegs ein prinzipieller Gegner zentraler Staatsgewalt war. Ein moderner Libertärer würde solch einen Plan als gefährliche Machtkonzentration ablehnen.

Klassischer Republikanismus vs. Liberalismus

Der Historiker Drew McCoy von der Clark University hat in seiner einflussreichen Analyse gezeigt, dass Franklins politisches Denken primär dem klassischen Republikanismus entstammt – nicht dem Liberalismus Locke’scher Prägung. University of Michigan

Der Unterschied ist fundamental:

Klassischer RepublikanismusLiberalismus/Libertarismus
Bürgerliche Tugend als FundamentIndividuelle Rechte als Fundament
Gemeinwohl vor EigeninteresseEigeninteresse als legitimer Motor
Aktive Bürgerschaft als PflichtFreiheit von Zwang als höchster Wert
Luxus und Kommerz als GefahrHandel und Wohlstand als positiv

Franklin sorgte sich zeitlebens um den moralischen Verfall der Republik durch Luxus und Korruption. Er sah tugendhaftes Verhalten – nicht bloß die Abwesenheit staatlichen Zwangs – als Voraussetzung für eine freie Gesellschaft. Dies unterscheidet ihn fundamental von der wertfreien, prozeduralen Freiheitskonzeption des modernen Libertarismus.

Die Sklavereifrage

Franklin besaß selbst Sklaven und druckte in seiner Zeitung Anzeigen für Sklavenverkäufe. Erst spät in seinem Leben wurde er zum Abolitionisten und diente als Präsident der „Pennsylvania Society for Promoting the Abolition of Slavery“. Mount Vernon

Dieser Wandel verdient Anerkennung – doch er zeigt auch, dass Franklin die universelle Anwendung von Freiheitsrechten erst spät erkannte. Ein Libertärer müsste fragen: Wie konnte jemand, der „Give me liberty or give me death“ unterschrieb, die Freiheit anderer Menschen so lange verleugnen?

Was können wir von Franklin lernen?

Trotz aller Widersprüche bietet Franklins Leben wertvolle Lektionen für den „Weg zur Freiheit“:

1. Selbstverbesserung als Fundament der Freiheit

Franklin lebte vor, dass individuelle Freiheit ohne individuelle Verantwortung leer bleibt. Seine Tugendlisten, sein unermüdlicher Wissensdurst und seine praktische Lebensklugheit zeigen: Wer frei sein will, muss an sich arbeiten.

2. Skepsis gegenüber allen Autoritäten

Franklin misstraute Kirchen, Monarchen und später auch demokratischen Mehrheiten. Sein gesunder Skeptizismus gegenüber konzentrierter Macht – egal in welcher Form – bleibt vorbildlich.

3. Die Kraft der spontanen Ordnung

Franklins Gründungen – die Feuerwehr, die Bibliothek, die philosophische Gesellschaft – waren alle freiwillige Zusammenschlüsse von Bürgern, keine staatlichen Programme. Er demonstrierte, dass gesellschaftliche Probleme oft besser durch private Initiative als durch Regierungsdekrete gelöst werden.

4. Intellektuelle Redlichkeit

Franklin änderte seine Meinungen, wenn neue Erkenntnisse es erforderten – etwa zur Sklaverei. Diese Bereitschaft zur Selbstkorrektur unterscheidet den echten Aufklärer vom Ideologen.

Fazit: Ein Wegbereiter, kein Vollender

Benjamin Franklin war kein Libertärer im modernen Sinne. Sein Denken war in der republikanischen Tugendtradition verwurzelt, er befürwortete zeitweise starke Zentralgewalt, und sein Engagement für universelle Freiheitsrechte war unvollständig.

Aber er war ein Wegbereiter. Seine Verteidigung der Presse- und Religionsfreiheit, sein Eintreten für wirtschaftliche Selbstverantwortung, seine Warnung vor dem Tausch von Freiheit gegen Sicherheit – all das gehört zum Fundament, auf dem spätere Denker wie Adam Smith, die Österreichische Schule und Friedrich Hayek aufbauen konnten.

Wir ehren Franklin am besten, indem wir ihn weder zum Säulenheiligen verklären noch zum Heuchler degradieren. Er war ein Mensch seiner Zeit, der über seine Zeit hinausdachte – nicht weit genug für unsere Maßstäbe, aber weit genug, um den Weg zu weisen.

Denn der Weg zur Freiheit ist lang. Und Benjamin Franklin ging ein gutes Stück voraus.

Dieser Beitrag erschien auf „Weg zur Freiheit“ – einem Blog in der Tradition von F.A. Hayek.

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