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Lyssenko kehrt zurück: Vom sowjetischen Krieg gegen die Genetik zum Krieg gegen die Biologie

Zusammenfassung

Im August 1948 erklärte die Sowjetunion die moderne Vererbungslehre für aufgehoben. Nicht ein Labor widerlegte sie, sondern eine Partei verbot sie. Der Agronom Trofim Lyssenko, gestützt von Stalin persönlich, ließ die Genetik zur «bürgerlichen Pseudowissenschaft» erklären, ihre Lehre untersagen und ihre Vertreter denunzieren, entlassen, einkerkern. Dieselbe Logik kehrt heute wieder, denn an die Stelle der biologischen Tatsache tritt das Gefühl, und es wird verlangt, dieses Gefühl als Wissenschaft zu behandeln. Ein Gefühl ist jedoch keine Messung, sondern eine Aussage über ein Inneres. Die Soziologie der Selbstwahrnehmung kann beschreiben, wie Menschen sich fühlen, doch sie kann nicht festsetzen, was ein Geschlecht ist. Geschlecht ist beim Menschen zweifach, weil die Fortpflanzung zwei und nur zwei Typen von Keimzellen kennt, und die Behauptung beliebig vieler Geschlechter ist daher keine wissenschaftliche These, sondern eine nicht prüfbare Setzung. Dieser Beitrag rekonstruiert den Fall Lyssenko, legt seine Methode frei und zeigt, dass die heutige Unterordnung der Biologie unter die Identitätsdoktrin demselben Muster folgt. Der libertäre Einwand richtet sich dabei nicht gegen einzelne Menschen, sondern gegen ein Prinzip: Keine Macht darf darüber verfügen, was als wahr zu gelten hat, und niemand darf gezwungen werden, ein Gefühl für eine Tatsache zu erklären.


1. Der Fall Lyssenko: als die Partei der Wissenschaft befahl

Trofim Denissowitsch Lyssenko war kein Genetiker, sondern ein Agronom mit dem untrüglichen Instinkt des Hofschranzen. Er versprach, was eine hungernde Planwirtschaft hören wollte: dramatisch steigende Ernten durch einfache Eingriffe wie das Kältebehandeln von Saatgut. Seine Behauptungen hielten keiner Prüfung stand, denn er lehnte die statistische Methode ab und folgte keiner wissenschaftlichen Verfahrensdisziplin, doch genau das machte ihn anschlussfähig.[1] Er verkleidete seine Lehre als Fortsetzung des Pflanzenzüchters Iwan Mitschurin, obwohl Mitschurins Arbeit mit seinen Thesen wenig gemein hatte, und nannte das Ganze «mitschurinsche Biologie».

Der Kern dieser Lehre war ein Lamarckismus: die Vererbung erworbener Eigenschaften. Pflanzen, so die Idee, ließen sich durch Umweltreize dauerhaft umprägen, und diese Prägung gehe auf die Nachkommen über. Lyssenko bestritt die Existenz von Genen und Chromosomen als eigenständige Träger der Vererbung und verwarf August Weismanns Keimbahntheorie, derzufolge erworbene Veränderungen des Körpers eben nicht in die Keimzellen zurückwirken.[2] Was die Empirie längst bestätigt hatte, galt nun als «idealistisch» und «reaktionär», weil es sich nicht in den dialektischen Materialismus fügte. Der entscheidende Maßstab war nicht mehr, ob eine These der Wirklichkeit entsprach, sondern ob sie der Doktrin diente.

Politisch wurde die Sache 1947, als Lyssenko sich brieflich an Stalin wandte und die Genetik als Werkzeug von Eugenik, Rassismus und westlichem Kapitalismus brandmarkte. Stalin antwortete zustimmend und hielt fest, Mitschurins Konzept sei das einzige wissenschaftliche; die Zukunft gehöre Mitschurin.[3] Vom 31. Juli bis zum 7. August 1948 tagte daraufhin die Lenin-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften, kurz WASChNIL. Stalin redigierte Lyssenkos Eröffnungsrede eigenhändig, und am Ende der Woche war die klassische Vererbungslehre zur «einzig richtigen» Gegenposition degradiert und ihre Lehre an Schulen und Hochschulen verboten, ein Verbot, das bis in die frühen 1960er Jahre Bestand hatte.[4]

Die menschlichen Kosten waren real. Nikolai Wawilow, der bedeutendste sowjetische Genetiker und Aufbauer einer weltweit beachteten Saatgutsammlung, war bereits 1940 verhaftet worden und starb Anfang 1943 im Gefängnis von Saratow an Hunger.[5] Andere wurden zu ritualisierten Selbstkritiken genötigt, in denen sie ihre eigene Forschung öffentlich widerriefen. Der Pflanzenphysiologe Dimitri Sabinin, dessen Buch 1948 aus der Publikation gezogen wurde, nahm sich 1951 das Leben. Wer Lyssenko widersprach, galt nicht als irrend, sondern als «bürgerlich» oder «faschistisch», und beides war lebensgefährlich.[6]

2. Die Methode hinter dem Wahn: warum Ideologie die Empirie hasst

Man missversteht den Lyssenkoismus, wenn man ihn nur für einen besonders großen wissenschaftlichen Irrtum hält. Irrtümer gehören zur Wissenschaft, denn sie werden korrigiert. Das Eigentümliche am Lyssenkoismus war nicht der Irrtum, sondern die Immunisierung gegen Korrektur. Karl Popper hat den entscheidenden Maßstab geliefert: Eine Aussage ist wissenschaftlich, sofern sie sich an der Erfahrung scheitern lassen kann, also falsifizierbar ist. Eine Lehre dagegen, die jeden Widerspruch nicht als prüfbaren Einwand, sondern als Verrat behandelt, hat den Boden der Wissenschaft verlassen, gleichgültig wie naturwissenschaftlich ihr Vokabular klingt.[7]

Friedrich August von Hayek hat denselben Vorgang von der anderen Seite beschrieben. In seiner Kritik des «Szientismus» zeigte er, wie sich Ideologien das Prestige der Wissenschaft borgen, um ihre eigenen Setzungen mit deren Autorität zu umkleiden.[8] Lyssenko sprach die Sprache der Biologie, doch er betrieb keine Biologie, sondern Politik im Laborkittel. Und Ludwig von Mises hatte schon zuvor gezeigt, dass eine Ordnung, die abweichende Erkenntnis nicht zulässt, sich selbst um die Information beraubt, die sie zum Funktionieren bräuchte. Der Sozialismus scheiterte nicht zuletzt daran, dass er die freie Prüfung verbot, auf die er angewiesen gewesen wäre.

Daraus folgt eine Diagnose, die über den konkreten Fall hinausreicht. Überall dort, wo das Ziel des Erkennens nicht mehr offen ist, sondern politisch vorab feststeht, verkehrt sich Wissenschaft in ihr Gegenteil. Die zeitgenössische Wissenschaftstheorie hat dafür sogar einen eigenen Begriff geprägt und spricht von «medizinischem Lyssenkoismus», wenn die Politisierung eines Faches das offene Suchen durch ein vorab definiertes ideologisches Ziel ersetzt.[9] Der Name Lyssenkos ist also längst zur Chiffre geworden, und zwar nicht in libertären Pamphleten, sondern in der medizinischen Fachliteratur.

3. Die Rückkehr des Musters: von der Klasse zum Geschlecht

Der historische Lyssenkoismus operierte mit der Kategorie der Klasse. Wahrheit war, was dem Proletariat diente, falsch war, was der Bourgeoisie zugerechnet wurde. Diese Verknüpfung von Erkenntnis und Lagerzugehörigkeit ist nicht verschwunden, sondern sie hat ihren Trägerbegriff gewechselt. Herbert Marcuse, der intellektuelle Architekt der Verschiebung vom Klassenkampf zum Kulturkampf, ersetzte das ermattete revolutionäre Subjekt des Proletariats durch neue Träger der Befreiung. Wo früher die Klasse stand, stehen heute Identitätskategorien, und an die Stelle des «bürgerlichen Bewusstseins» tritt das «privilegierte» Bewusstsein. Die Struktur aber bleibt: Es gibt Unterdrücker und Unterdrückte, die Unterdrückten haben aufgrund ihrer Stellung recht, und wer widerspricht, hat entweder böse Absichten oder ein falsches Bewusstsein.

Genau an diesem Punkt berührt der neue Kampf die Biologie, und hier muss man präzise sein. Das Geschlecht des Menschen ist keine Frage des Empfindens, sondern eine Frage der Fortpflanzung. Es gibt zwei und nur zwei Typen von Keimzellen, die große Eizelle und die kleine Samenzelle, und an dieser Zweiteilung hängt die gesamte Architektur der menschlichen Reproduktion. Einen dritten Keimzelltyp gibt es nicht, und folglich gibt es kein drittes Geschlecht. Der Normalfall der Fortpflanzung verlangt Mann und Frau, das ist keine kulturelle Konvention, sondern die arttypische Ordnung, ohne die es keine nächste Generation gäbe. Seltene Störungen der Geschlechtsentwicklung sind genau das, nämlich Abweichungen von dieser Ordnung, die der medizinischen Beschreibung bedürfen, und keine zusätzlichen Geschlechter, die sie aufheben.

Die ideologische Gegenthese setzt an die Stelle dieser Tatsache das Gefühl. Das Geschlecht sei nicht vorgefunden, sondern empfunden, nicht körperlich verankert, sondern frei deklarierbar, und folglich gebe es prinzipiell beliebig, ja unendlich viele Geschlechter, je nachdem, wie ein Mensch sich gerade fühlt. Hier liegt der entscheidende Fehler, denn ein Gefühl ist keine Wissenschaft. Es ist eine Aussage über das eigene Innere, ehrlich oder unehrlich, beständig oder flüchtig, doch in keinem Fall eine Messung der Wirklichkeit. Die Psychologie und die Soziologie können erforschen, wie verbreitet ein solches Empfinden ist und wie es sich anfühlt, aber aus der Tatsache, dass jemand etwas empfindet, folgt niemals, dass die Welt so beschaffen ist, wie er sie empfindet. Wer das Selbstgefühl zum Richter darüber macht, was ein Geschlecht ist, verwechselt die Beschreibung eines Wunsches mit der Feststellung einer Tatsache, und er begeht damit auf neuem Feld genau den Fehler Lyssenkos: Die Umwelt, hier die innere Erlebniswelt, soll über die biologische Konstitution siegen.

Die Behauptung von unendlich vielen Geschlechtern scheitert überdies an Poppers Maßstab. Eine These, die sich auf das bloße Empfinden stützt und durch keine Beobachtung widerlegt werden kann, weil jeder neue Selbstbericht sie nur bestätigt und nie prüft, ist nicht falsifizierbar und damit keine wissenschaftliche Aussage. Sie ist eine Glaubensaussage im Gewand der Wissenschaft, und sie verlangt nicht Prüfung, sondern Zustimmung. Genau dieser Wechsel vom Prüfen zum Zustimmen ist die Signatur des Lyssenkoismus.

4. Wenn die Politik die Diagnose umschreibt

Wie sehr die Ideologie bereits in die Wissenschaft selbst hineinreicht, zeigt der Umgang mit der medizinischen Diagnose. Lange galt der ausgeprägte und anhaltende Konflikt zwischen empfundenem und körperlichem Geschlecht als behandlungsbedürftiger Befund. Die zehnte Fassung der internationalen Klassifikation der Krankheiten, die ICD-10, führte ihn unter der Bezeichnung «Transsexualismus» im Kapitel der psychischen und Verhaltensstörungen, und das amerikanische Diagnosehandbuch DSM-5 kennt bis heute die «Geschlechtsdysphorie».[10] Es existiert also sehr wohl ein diagnostischer Code, denn dass die Diskrepanz zwischen Empfinden und Körper ein klinisch relevanter Zustand ist, war über Jahrzehnte fachlicher Konsens.

Bemerkenswert ist nun, wie sich dieser Konsens verändert hat. Die elfte Fassung, die ICD-11, seit 2022 in Kraft, hat die Bezeichnung in «Geschlechtsinkongruenz» geändert und den Befund aus dem Kapitel der psychischen Störungen herausgenommen, hinein in ein neues Kapitel über Zustände im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation begründet das damit, es handle sich nicht um eine psychische Erkrankung, und die Einordnung als solche erzeuge Stigma.[11] Entscheidend ist, was diese Umklassifizierung ausgelöst hat. Es war keine neue biologische Entdeckung, kein Experiment, das frühere Annahmen widerlegt hätte, sondern der erklärte Wille, dem Anliegen von Aktivisten und einer bestimmten Menschenrechtsauslegung zu entsprechen. Die fachliche Literatur benennt diesen Antrieb offen, denn Organisationen forderten die Streichung aus der Liste der Störungen, und diesem Begehren wurde nachgegeben.[12]

Man muss nicht bestreiten, dass die Verringerung von Stigma ein achtbares Ziel sein kann, um den Vorgang in seiner Bedeutung zu erkennen. Eine medizinische Klassifikation wurde nicht durch Evidenz, sondern durch politischen Druck umgeschrieben. In dem Augenblick, in dem nicht mehr der Befund über die Einordnung entscheidet, sondern die gesellschaftliche Genehmheit, ist genau jene Tür wieder geöffnet, die Lyssenko aufstieß. Es ist dieselbe Bewegung, nur in milderer Gestalt: nicht das Labor schreibt die Wissenschaft, sondern die Politik schreibt der Wissenschaft vor, was sie zu sagen hat.

5. Die Mechanik der Gleichschaltung: Denunziation, Widerruf, Entzug der Existenzgrundlage

Die tiefste Übereinstimmung liegt nicht in den Inhalten, sondern in den Durchsetzungsmitteln. Der Lyssenkoismus siegte nicht durch das bessere Experiment, sondern durch drei Instrumente, und alle drei sind wiederzuerkennen.

Das erste ist die Denunziation. Wer abweicht, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert. «Bürgerlich» und «faschistisch» lauteten die tödlichen Vokabeln von 1948, und die heutigen Entsprechungen sind milder in den Folgen, doch identisch in der Funktion, denn auch sie sollen den Gegner nicht prüfen, sondern aus dem Kreis des Anhörbaren ausschließen. Das zweite ist der erzwungene Widerruf. Die theatralischen Selbstkritiken sowjetischer Genetiker, in denen sie ihre eigene Arbeit verleugneten, haben ihr Echo in den öffentlichen Entschuldigungen und Distanzierungen, mit denen heute Forscher und Klinikerinnen ihre Karriere zu retten versuchen. Das dritte ist der Entzug der Existenzgrundlage. Damals bedeutete er Lager und Tod, heute bedeutet er Entlassung, Rückzug von Publikationen und berufliche Ächtung, also eine sanftere, aber wirkungsvolle Variante desselben Mechanismus.

Genau hier schließt sich der Kreis zu Marcuses Theorie der «repressiven Toleranz», jener Lehre, derzufolge man bestimmten Positionen die Toleranz entziehen dürfe, weil man die Wahrheit zu kennen glaubt. Wer aber zu wissen meint, was gedacht werden darf, reproduziert genau die Autorität, gegen die die Aufklärung angetreten war. Der Lyssenkoismus war diese Autorität in ihrer brutalsten Form, denn er besetzte den Begriff der Wissenschaft selbst und machte ihn zur Waffe gegen das Wissen.

Der starke Einwand

Diese Position verdient ihren stärksten Widerspruch, nicht ihre Karikatur. Der ernsthafteste Einwand lautet: Niemand bestreite die Biologie der Fortpflanzung. Man unterscheide lediglich das körperliche Geschlecht von der Geschlechtsidentität als einer psychischen und sozialen Wirklichkeit, und diese Unterscheidung sei wissenschaftlich gut eingeführt. Wer von Geschlechtsidentität spreche, leugne keine Chromosomen, sondern beschreibe eine zweite Ebene, das gelebte Selbstverständnis eines Menschen, das für ihn höchst real und manchmal mit großem Leid verbunden sei.

Hinzu komme, so der Einwand weiter, dass die Entpathologisierung kein ideologischer Übergriff sei, sondern wissenschaftlicher Fortschritt im besten Sinne. Auch die Streichung der Homosexualität aus den Krankheitslisten sei seinerzeit von Aktivisten gefordert worden und gelte heute zu Recht als Korrektur eines Irrtums, nicht als dessen Wiederholung. Und schließlich, der gewichtigste Punkt: Lyssenko verfügte über den Gewaltapparat eines totalitären Staates, der Lehrpläne verbot und Menschen erschoss. Kein westlicher Staat untersagt heute den Unterricht der Keimzellenlehre, und gesellschaftliche Ächtung ist kein Gulag. Selbst die Wissenschaftsgeschichte mahnt, den Lyssenkoismus nicht vorschnell zum universellen Symbol jeder Politisierung von Wissenschaft zu überhöhen.[13] Wer jede unbequeme akademische Mode mit Stalins Terror gleichsetze, verharmlose den Terror und übertreibe die Mode.

Die Erwiderung

Diese Einwände sind ernst, und doch tragen sie nicht. Die Unterscheidung von körperlichem Geschlecht und gelebtem Selbstverständnis ist als Beschreibung zulässig, solange sie das bleibt, was sie ist, nämlich eine Aussage über das Erleben. Der Streit beginnt erst dort, wo aus dem Erleben ein Anspruch auf die Wirklichkeit wird, wo also verlangt wird, das Gefühl als das wahre Geschlecht zu behandeln, die körperliche Tatsache für nachrangig zu erklären und ihr Aussprechen zu sanktionieren. In diesem Moment ist die Grenze überschritten, denn dann entscheidet nicht mehr das Argument, sondern die Macht. Ein Gefühl bleibt ein Gefühl, so echt es sein mag, und es wird durch keine noch so eindringliche Forderung zu einer biologischen Kategorie.

Der Verweis auf die Homosexualität verfehlt den Kern. Homosexualität ist eine beobachtbare Verhaltens- und Neigungstatsache, die niemand bestreitet und die niemanden zwingt, eine Unwahrheit zu bejahen. Die Forderung dagegen, beliebig viele Geschlechter als wissenschaftliche Wirklichkeit anzuerkennen, verlangt von allen anderen, gegen die eigene Wahrnehmung und gegen die Biologie etwas für wahr zu halten, was nicht prüfbar ist. Das eine erweitert den Raum dessen, was gesagt und gelebt werden darf, das andere verengt ihn, denn es macht das Aussprechen einer Tatsache zur Verfehlung.

Und der Hinweis auf die fehlende Gewalt führt nicht aus der Parallele heraus, sondern in ihren Kern. Entscheidend ist nicht die Schwere der Strafe, sondern die Ersetzung der Widerlegung durch die Sanktion. Ob die Sanktion Erschießung oder Entlassung heißt, ist ein gewaltiger moralischer Unterschied, doch der erkenntnistheoretische Vorgang ist derselbe: Eine empirische Frage wird nicht durch Prüfung entschieden, sondern durch Ausschluss. Eben deshalb verwendet die heutige Fachliteratur den Begriff des Lyssenkoismus auch für milde, demokratische Verhältnisse, denn das Prinzip kennt keine Schwelle, ab der es erst gefährlich würde, sondern es ist von Anfang an dasselbe.

Hier liegt zugleich der Grund, warum dies eine libertäre und keine bloss konservative Kritik ist. Der Konservative beklagt oft, die falsche Lehre setze sich durch. Der Libertäre beklagt etwas anderes, nämlich dass überhaupt eine Macht beansprucht, über Wahrheit zu verfügen und den Einzelnen zur Zustimmung zu zwingen. Heute geschieht das überwiegend im Namen einer linken Identitätslehre, morgen könnte es im Namen einer rechten Doktrin geschehen, und das Prinzip bliebe verwerflich. Das Übel ist der Zwang, nicht die Adresse, an die er sich richtet, und gerade weil das so ist, darf der Libertäre an dieser Stelle nicht ausweichen, sondern muss die schlichte Tatsache verteidigen, dass es zwei Geschlechter gibt und dass niemand das Recht hat, einen Menschen zur gegenteiligen Behauptung zu nötigen.

Schluss: Die Freiheit der Forschung ist die Freiheit des Menschen

Der Lyssenkoismus ist das Lehrstück dafür, was geschieht, wenn eine Gesellschaft der Politik erlaubt, den Streit der Argumente zu beenden. Sie verliert nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Fähigkeit, sich zu korrigieren, und am Ende verhungerten in der Sowjetunion nicht nur die Felder, sondern eine ganze Disziplin. Poppers offene Gesellschaft lebt von der entgegengesetzten Haltung, von der Bereitschaft, die eigene These dem Scheitern auszusetzen, und Hayeks Einsicht in die Grenzen unseres Wissens macht daraus eine politische Forderung: Gerade weil niemand die Wahrheit sicher besitzt, darf niemand die Macht erhalten, sie verbindlich festzusetzen.

Die Verteidigung der Biologie gegen die Ideologie ist deshalb kein Kulturkampfreflex, sondern Notwehr der Vernunft. Wer das Recht verteidigt, ein Geschlecht zwei zu nennen und dies prüfbar zu begründen, verteidigt nicht eine Meinung, sondern das Verfahren, durch das wir überhaupt zwischen Gefühl und Wirklichkeit unterscheiden können. Genau dieses Verfahren ist die unsichtbare Infrastruktur der Freiheit. Eine Gesellschaft, die ihren Bürgern abverlangt, ein Gefühl für eine Tatsache zu erklären, hat den Weg zur Knechtschaft bereits ein Stück weit beschritten, und sie wird ihn nur verlassen, wenn genügend Menschen den Mut aufbringen, die schlichte, un-modische, biologische Tatsache auszusprechen, ganz gleich, wer ihnen dafür das Etikett anheften will.


Quellen

  1. S. Borinskaya, A. Ermolaev, E. Kolchinsky: Lysenkoism Against Genetics: The Meeting of the Lenin All-Union Academy of Agricultural Sciences of August 1948, Its Background, Causes, and Aftermath, in: Genetics 212/1 (2019). https://academic.oup.com/genetics/article/212/1/1/6087971
  2. Lyssenkoismus, Wikipedia (deutschsprachig; zur Verwerfung der modernen Genetik von Mendel, Weismann und Morgan). https://de.wikipedia.org/wiki/Lyssenkoismus
  3. Borinskaya et al. (2019), zu Lyssenkos Brief an Stalin und Stalins zustimmender Antwort vom 31. Oktober 1947. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6499510/
  4. M. D. Gordin: Lysenkoism, in: Encyclopedia of the History of Science (zu Stalins persönlicher Redaktion der Rede und zum Lehrverbot). https://ethos.lps.library.cmu.edu/article/id/560/
  5. Borinskaya et al. (2019), zur Verhaftung Nikolai Wawilows 1940 und seinem Hungertod im Gefängnis von Saratow Anfang 1943. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6499510/
  6. Lyssenkoismus, Wikipedia (deutschsprachig; zu den erzwungenen «Selbstkritiken», zur Entlassung der Genetiker, zur Diffamierung der Gegenlehre als «bourgeoise Wissenschaft» sowie zum Suizid des Pflanzenphysiologen Dimitri Sabinin). https://de.wikipedia.org/wiki/Lyssenkoismus
  7. Karl R. Popper: Logik der Forschung (1934) sowie Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945), zur Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium der Wissenschaft.
  8. F. A. von Hayek: The Counter-Revolution of Science. Studies on the Abuse of Reason (1952), zur Kritik des Szientismus.
  9. S. K. Baker: Medical Lysenkoism, in: Journal of Evaluation in Clinical Practice (zur Ersetzung des offenen Erkenntnisziels durch ein vorab definiertes ideologisches Ziel und zur Bindung wissenschaftlichen Fortschritts an Falsifizierbarkeit). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12381549/
  10. Gender dysphoria und ICD-11, Wikipedia (zur ICD-10-Kategorie «Transsexualismus» F64.0 im Kapitel der psychischen Störungen, zur ICD-11-Kategorie HA60/HA61 sowie zur DSM-5-Diagnose der Geschlechtsdysphorie). https://en.wikipedia.org/wiki/Gender_dysphoria
  11. Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gender incongruence and transgender health in the ICD (zur Verschiebung aus dem Kapitel der psychischen und Verhaltensstörungen in das Kapitel über sexuelle Gesundheit und zur Begründung mit Stigmavermeidung). https://www.who.int/standards/classifications/frequently-asked-questions/gender-incongruence-and-transgender-health-in-the-icd
  12. G. M. Reed u. a.: Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD-11, in: World Psychiatry 15 (2016), zur ausdrücklichen Berücksichtigung von Menschenrechtserwägungen; vgl. ferner die Diskussion bei Auctores, Sexual Disorders in ICD-11 (zum dokumentierten Druck von Organisationen auf die Streichung aus der Liste der Störungen). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5032510/
  13. H. Kragh: The Universe, the Cold War, and Dialectical Materialism (2012), mit dem mahnenden Hinweis, den Lyssenkoismus nicht vorschnell zum allgemeinen Symbol des Verhältnisses von Ideologie und Wissenschaft zu überhöhen. https://arxiv.org/pdf/1204.1625

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