Zusammenfassung
Das Wort »Nazi« ist die günstigste Beleidigung im deutschen Sprachraum: leicht erschwinglich, keinerlei Denkaufwand, jederzeit verfügbar. Einst bezeichnete es Angehörige einer der mörderischsten politischen Bewegungen der Geschichte. Heute bezeichnet es: jeden. Konservative. Liberale. Libertäre. Hundebesitzer, die ihren Hund ohne Leine laufen lassen. Den Nachbarn, der zu laut die Nationalhymne summt. Die Inflation des Begriffs hat ihn nicht stärker gemacht, sie hat ihn entkernt. Dieser Artikel untersucht, was mit einem Wort passiert, wenn es zur Allzweckwaffe wird, und warum insbesondere Libertäre, ausgerechnet die konsequentesten Gegner staatlicher Macht, sich als bevorzugte Zielscheibe dieser Billigbeschimpfung wiederfinden.
Die Dreigroschenoper des politischen Diskurses
Bertolt Brecht schrieb seine Dreigroschenoper als eine Oper für alle. Eine Oper, die auch Bettler ins Theater locken sollte. Kein langer Anlauf, kein Bildungsbürgertum erforderlich: rein, Mackie Messer, fertig. Das Genie des Formats lag in seiner Zugänglichkeit.
Dasselbe Prinzip liegt der modernen Dreigroschenbeschimpfung zugrunde. Das Wort »Nazi« ist die Dreigroschenoper des politischen Streits: barrierefrei, massentauglich, ohne Vorkenntnisse bedienbar. Man braucht kein Argument. Man braucht keine Kenntnisse der Geschichte. Man braucht nicht einmal Wut, ein mildes Unbehagen genügt. Ein Klick, drei Silben, und schon hat man den Diskurs gewonnen. Oder zumindest beendet.
Was Brecht freilich nicht beabsichtigt hatte: dass sein Konzept der demokratisierten Oper eines Tages auf die Verrohung des politischen Vokabulars übertragen werden würde.
Was das Wort einmal bedeutete
»Nazi« ist die umgangssprachliche Kurzform für »Nationalsozialist«, ein Angehöriger oder Sympathisant der NSDAP, jener Bewegung, die zwischen 1933 und 1945 Deutschland in eine totalitäre Diktatur verwandelte, einen Vernichtungskrieg entfesselte und den industriellen Massenmord an Millionen Menschen organisierte. Nationalsozialismus war eine Ideologie, die Staatsallmacht, Rassismus, Nationalismus und Führerkult zu einem monströsen Ganzen verschmolz.1
Es ist wichtig, diese Definition im Gedächtnis zu behalten. Sie wird gleich absurd werden.
Godwins Gesetz und die Reductio ad Hitlerum
Der Philosoph Leo Strauss formulierte bereits 1951 das Konzept der Reductio ad Hitlerum: eine rhetorische Fehlschlussform, bei der eine Position dadurch widerlegt wird, dass man sie Hitler oder den Nationalsozialisten zuschreibt.2 Strauss war nicht amüsiert. Hitler mögen Autobahnen gemocht haben, das macht Autobahnen nicht faschistisch.
Mike Godwin erweiterte diese Beobachtung 1990 zu seinem berühmten Gesetz: In jeder Internetdiskussion, die lang genug anhält, wird irgendwann jemand mit Hitler oder den Nazis verglichen.3 Godwin meinte das als Satire. Das Internet nahm es als Handlungsanweisung.
Was als Internetphänomen begann, ist längst in den Mainstream-Diskurs vorgedrungen. Heute braucht man nicht einmal mehr eine lange Diskussion. Der Nazi-Vergleich kommt mittlerweile reflexartig im zweiten Tweet.
Die große Entleerung
Sprache funktioniert durch Kontraste. Ein Wort hat Bedeutung, weil es etwas von etwas anderem unterscheidet. »Heiß« bedeutet etwas, weil es nicht »kalt« ist. »Mord« bedeutet etwas, weil es nicht »Unfall« ist. »Nazi« bedeutete etwas, weil es eine spezifische, historisch einmalige Form des politischen Verbrechens bezeichnete.
Was passiert, wenn man einen Begriff auf alles und jeden anwendet? Er verliert seinen Kontrast. Er verliert seine Bedeutung. Und er verliert seine Warnfunktion, und das ist der eigentliche Schaden.
Wenn jeder ein Nazi ist, ist niemand mehr einer. Wenn der Begriff für den Talkshow-Gast, der weniger Steuern will, ebenso gilt wie für jemanden mit echter Vernichtungsideologie, dann hat die Gesellschaft ihr semantisches Frühwarnsystem deaktiviert. Die Dreigroschenbeschimpfung entsorgt dabei gleich zwei Dinge auf einmal: den Diskussionsgegner und die historische Erinnerung.
Das Kuriosum: Der Libertäre als Nazi
Hier wird es richtig interessant, und richtig komisch, wenn es nicht so traurig wäre.
Libertäre werden zunehmend als »Nazis« bezeichnet. Wofür? Dafür, dass sie den Staat ablehnen. Dafür, dass sie individuelle Freiheit über kollektive Zwänge stellen. Dafür, dass sie staatliche Umverteilung als Zwang betrachten. Dafür, dass sie Frieden, offene Grenzen und freien Handel propagieren.4
Man darf an dieser Stelle kurz innehalten und das historische Gegenteil in Erinnerung rufen: Der Nationalsozialismus war eine zutiefst etatistische Bewegung. Er vergötterte den Staat. Er verpflichtete das Individuum restlos dem Kollektiv. Er übernahm die Kontrolle über Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Familie und Gedanken. Er kannte keine Privatsphäre, keine Gewissensfreiheit, kein Eigentumsrecht, das dem Volkswillen widerstehen durfte.5
Der Nationalsozialismus war, kurz gesagt, die Antithese des Libertarismus.
Einen Libertären als Nazi zu bezeichnen ist in etwa so logisch wie einen Veganer als Fleischindustrielobbyisten zu bezeichnen oder einen Pazifisten als Kriegstreiber. Es ist nicht nur falsch, es ist präzise verkehrt herum. Aber die Dreigroschenbeschimpfung schert sich nicht um Logik. Sie ist für Groschen zu haben, nicht für Argumente.
Freiheit als Rechtsradikalismus
Die eigentliche intellektuelle Pointe liegt noch eine Ebene tiefer. Im gegenwärtigen Diskurs gilt Freiheit selbst, individuelle, persönliche, wirtschaftliche Freiheit, als verdächtig, als rechtsextrem, als eine Art Deckmantel für finstere Absichten.
Wer Steuern als Zwang bezeichnet, ist ein Sozialdarwinist. Wer freie Märkte verteidigt, schützt die Reichen. Wer weniger Staat fordert, will Schwache im Stich lassen. Und wer auf das Eigentumsrecht pocht, ist natürlich auf dem besten Weg nach Auschwitz.
Diese Gedankenkette setzt voraus, dass staatliche Macht per se gut ist und jede Skepsis gegenüber ihr aus schlechten Motiven stammt. Es ist eine Weltanschauung, in der der Staat den Sinnhorizont des Guten bildet, eine merkwürdige Nähe zur politischen Theologie des 20. Jahrhunderts, die man eigentlich überwunden glaubte.
Friedrich Hayek hat in Der Weg zur Knechtschaft gezeigt, wohin der Weg führt, wenn Planungsmacht und moralische Überlegenheit in denselben Händen liegen.6 Die Ironie ist, dass heute ausgerechnet jene, die Hayeks Nachfolger sind, als Wegbereiter der Tyrannei beschimpft werden.
Die Funktion der Dreigroschenbeschimpfung
Man sollte die Dreigroschenbeschimpfung nicht unterschätzen. Sie ist billig, aber nicht zufällig. Sie erfüllt eine Funktion.
Erstens: Sie ersetzt das Argument. Wer den Gegner als Nazi bezeichnet hat, muss sich nicht mehr mit dessen Ideen auseinandersetzen. Die Beschimpfung ist eine Abkürzung durch das Gelände des Denkens.
Zweitens: Sie signalisiert Zugehörigkeit. In bestimmten Milieus ist die Fähigkeit, andere als Nazis zu identifizieren, ein Statussignal. Man zeigt, auf welcher Seite man steht, auf der richtigen, versteht sich.
Drittens: Sie macht müde. Wer ständig des Schlimmsten beschuldigt wird, zieht sich zurück. Die Dreigroschenbeschimpfung ist auch ein Instrument der Erschöpfung. Sie vergiftet die Atmosphäre, bis sachliche Diskussion unmöglich wird, was vermutlich das eigentliche Ziel ist.
Was wir verlieren
Es geht nicht nur um libertäre Befindlichkeiten. Es geht um den Zustand des gesellschaftlichen Gesprächs insgesamt.
Eine Gesellschaft, die ihren schwersten Vorwurf inflationiert hat, verliert die Fähigkeit, echte Bedrohungen zu benennen. Wenn das Wort »Nazi« für jeden gilt, der die Mehrwertsteuer senken will, dann hat man kein Wort mehr für jemanden, der ernsthaft eine Rassenideologie vertritt. Man hat das Warnsystem abgeschaltet.
Darüber hinaus verliert die Gesellschaft die Möglichkeit zur echten Auseinandersetzung. Libertäre Ideen haben eine intellektuelle Tradition, die von Bastiat über Mises bis Hayek und Rothbard reicht. Diese Tradition verdient Widerlegung, keine Beschimpfung. Wer sie mit einer Dreigroschenbeschimpfung abtut, zeigt nur, dass er sie nicht kennt.
Gegenargumente
»Aber manche libertäre Positionen sind objektiv schädlich, da muss man das beim Namen nennen.«
Wer eine Position für schädlich hält, sollte erklären, warum sie schädlich ist, nicht nach einer Assoziation suchen, die den Denkaufwand erspart. Dass eine Idee zu ungewollten Konsequenzen führen kann, ist ein Argument. Dass ihr Vertreter an eine historische Verbrecherbewegung erinnert, die diese Idee explizit ablehnte, ist keins.
»Der Begriff ‘Nazi’ wird doch nicht wirklich ernst gemeint, es ist Rhetorik.«
Das ist das aufrichtigste Gegenargument. Ja, vieles davon ist rhetorische Eskalation, keine buchstäbliche Einordnung. Das Problem: Sprache formt Wahrnehmung. Wer Menschen regelmäßig in die Nähe einer Verbrechensideologie rückt, auch nur rhetorisch, erzeugt Assoziationen und macht damit echten Dialog unmöglich. »Ich mein das nicht so« ist keine Entschuldigung für den Schaden, den die Wortwahl anrichtet.
»Es gibt aber tatsächlich libertäre Strömungen, die sich mit rechtsextremen Gruppen überschneiden.«
Das stimmt und ist eine legitime Beobachtung, die eine differenzierte Analyse verdient.7 Es gibt Grenzgänger und Vereinnahmer in jeder politischen Bewegung, auch im Libertarismus. Diese Grenzfälle zu benennen und zu kritisieren ist sinnvoll. Sie aber zur Grundlage zu nehmen, um den gesamten Libertarismus zu kriminalisieren, ist so treffend wie den gesamten Sozialismus anhand der Gulag-Bewächter zu beurteilen, ein Vergleich, den niemand zu ziehen wagt, der eine Dreigroschenbeschimpfung in der Tasche hat.
Fazit: Drei Groschen für ein Halleluja
Die Dreigroschenbeschimpfung »Nazi« ist erschwinglich, allgegenwärtig und wirkungslos, außer als Diskussionskiller. Sie belästigt Menschen, die aus ernsthaften philosophischen Überzeugungen heraus staatliche Macht begrenzen oder abschaffen wollen. Sie ehrt das Andenken der tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus nicht. Und sie lässt diejenigen, die sie benutzen, intellektuell ärmer zurück, als sie in das Gespräch eingetreten sind.
Bertolt Brecht, der Vater der echten Dreigroschenoper, war ein kluger Mann. Er wusste, dass Kunst zugänglich sein sollte. Er wusste auch, dass billiges Theater am Ende nichts taugt. Die Dreigroschenbeschimpfung, zwei Silben, null Inhalt, maximaler Schaden, ist das billigste Theater, das der politische Diskurs zu bieten hat.
Und Mackie Messer, der Held der Dreigroschenoper, wäre vermutlich beleidigt, mit so einer Armseligkeit assoziiert zu werden.
Fußnoten
- Zur ideologischen Struktur des Nationalsozialismus vgl. Ian Kershaw, Hitler. 1889–1936, Stuttgart 1998; sowie Richard J. Evans, Das Dritte Reich, 3 Bde., München 2004–2009.
- Leo Strauss, Natural Right and History, Chicago 1953, S. 42–43. Strauss’ Begriff der Reductio ad Hitlerum beschreibt den Fehlschluss, eine These dadurch zu widerlegen, dass man sie mit Hitler oder den Nationalsozialisten verknüpft.
- Mike Godwin formulierte sein Gesetz erstmals 1990 in der Usenet-Diskussion; später veröffentlicht als: Mike Godwin, »Meme, Counter-meme«, Wired, Oktober 1994.
- Zur Grundlage libertärer Philosophie vgl. Murray N. Rothbard, For a New Liberty. The Libertarian Manifesto, New York 1973; sowie Friedrich A. Hayek, Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1991.
- Zur Wirtschaftspolitik des Dritten Reichs vgl. Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007.
- Friedrich A. Hayek, Der Weg zur Knechtschaft [1944], München 2004.
- Vgl. Brian Doherty, Radicals for Capitalism, New York 2007, Kap. 12, sowie die Debatte um die »paleolibertarian strategy« der 1990er Jahre.
